
Nach schweren Vorwürfen von Athletinnen Experten beginnen mit Aufarbeitung der Missstände im Turnen
Die Missstände im Leistungs-Turnen in Baden-Württemberg sollen aufgearbeitet werden. Am Mittwoch nahm eine unabhängige Arbeitsgruppe ihre Tätigkeit auf. Dem Gremium gehört auch die ehemalige Hürdensprinterin Nadine Hildebrand an.
Nach den Vorwürfen physischer und psychischer Gewalt an Turnstützpunkten war der Landessportverband Baden-Württemberg (LSVBW) von Sportministerin Theresa Schopper aufgefordert worden, die Missstände an den Stützpunkten Mannheim und Stuttgart strukturell aufzuarbeiten.
Die vom LSVBW einberufene unabhängige Arbeitsgruppe traf sich erstmals am Mittwoch. Das Gremium setzt sich aus Expertinnen und Experten unterschiedlicher Fachbereiche zusammen. Unter dem Vorsitz des Juristen und ehemaligen Generalstaatsanwalts Klaus Pflieger soll die Arbeitsgruppe die Missstände an den Turnstützpunkten aufarbeiten und durch "Organisationsentwicklung zum Schutz vor interpersoneller Gewalt im leistungsorientierten Turnsport in Baden-Württemberg" beitragen. Pflieger war vor Jahren in die von der baden-württembergischen Landesregierung eingesetzten "Kommission Kinderschutz zur Aufarbeitung des Missbrauchsfalls in Staufen und zur Weiterentwicklung des Kinderschutzes" berufen worden.
Namhafte Expertinnen und Experten in der Arbeitsgruppe
Neben Pflieger gehören dem Gremium an:
Dr. Natalie Barker-Ruchti: Die 53-jährige Schweizerin lehrt an der Universität Örebro in Schweden. Die Sportwissenschaftlerin und Ethik-Professorin betreibt seit vielen Jahren Forschung im Bereich Frauenkunstturnen, hier vor allem zum Missbrauch und zu ethischen Standards. Barker-Ruchti trug wesentlich zur Aufarbeitung des Schweizer Turnskandals ("Magglingen Protokolle") und zur Umsetzung von Ethik im Schweizer Sportsystem bei.
Prof. Dr. Carmen Borggrefe: Die Sportwissenschaftlerin leitet seit 2012 die Abteilung Sportsoziologie und Sportmanagement an der Universität Stuttgart. Einer ihrer Forschungsschwerpunkte liegt im Bereich der Soziologie des Spitzensports. In diesem Bereich hat sie Studien zur Trainer-Athlet-Kommunikation sowie zum Problem Dualer Karrieren schulpflichtiger, studierender und berufstätiger Spitzensportler durchgeführt.
Nadine Hildebrand: Die ehemalige Hürdensprinterin ist Juristin und hat als Rechtsanwältin in verschiedenen Kanzleien gearbeitet. Seit 2021 ist sie als Referentin für Recht & Compliance, Syndikusrechtsanwältin tätig. Als aktive Leichtathletin nahm sie zwischen 2004 und 2018 an zahlreichen Europa- und Weltmeisterschaften teil. 2016 erreichte sie über 100-Meter-Hürden den Endlauf bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro. Später war sie Athletensprecherin beim Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV).

Ex-Hürdensprinterin Nadine Hildebrand, heute Juristin, hilft bei der Aufarbeitung
Prof. Dr. Klaus Cachay: Der Sportwissenschaftler lehrte an den Universitäten Tübingen und Bielefeld. Der ehemalige Handballtrainer forschte und veröffentlichte zu zentralen Problemen der Vereins- und Verbandsentwicklung sowie des Spitzensports.
Das Thema Ethik bekommt einen hohen Stellenwert
Klaus Pflieger, Sprecher der Arbeitsgruppe, ist überzeugt, dass das Thema Ethik bei der Aufarbeitung der Missstände eine wesentliche Rolle spielen wird. Im Leistungssport gehe es gerade bei jungen Turnerinnen um das Spannungsfeld: Was ist einerseits im Sinne einer möglichst erfolgreichen Karriere machbar? Was sollte andererseits aus moralischen Gründen unterbunden werden? Pflieger: "Offensichtlich müssen Strukturen eingeführt werden, um künftig solche Auseinandersetzungen bestmöglich zu vermeiden."
Der ehemalige Bundestags-Abgeordnete Clemens Binninger hatte seine ursprüngliche Zusage für eine Mitarbeit zurückgenommen. "Aufgrund der für die AG bestehenden strukturellen Rahmenbedingungen und den aktuell laufenden und ausgeweiteten Ermittlungen der Staatsanwaltschaft halte ich (...) die Untersuchungsmöglichkeiten der AG derzeit für sehr begrenzt und daher meine Expertise und Unterstützung aktuell für nicht erforderlich."
Staatsanwaltschaft: Über 30 Vernehmungen, aber noch keine Anklage
Während dessen laufen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Stuttgart weiter. Auf SWR-Anfrage teilte die Staatsanwaltschaft mit, dass bisher an drei Tagen Durchsuchungs-Maßnahmen durchgeführt wurden. "Es wurden insgesamt 11 Objekte und mehr als 30 Vernehmungen durchgeführt", heißt es. Auch die Ermittlungen gegen den freigestellten Trainer am Kunst-Turn-Forum Stuttgart dauern an. Gegen ihn läuft ein Verfahren wegen des Verdachts der Nötigung in mehreren Fällen. Ob es zu einer Anklage kommen wird, ist unklar.
Klar ist laut Auskunft der Staatsanwaltschaft Stuttgart, dass gegen die zwei nicht namentlich genannten - und von ihren Verbänden freigestellten - (ehemaligen) Trainerinnen am Turnstützpunkt Mannheim bisher keine Anklage erhoben wurde. Gegen sie läuft ein Ermittlungsverfahren wegen eines Versuchs "der gefährlichen Körperverletzung".
Mehrere ehemalige und aktive Turnerinnen hatten Missstände an den Turnstützpunkten in Stuttgart und Mannheim angeprangert, unter anderem "systematischen körperlichen und mentalen Missbrauch".
Sendung am Fr., 4.4.2025 18:40 Uhr, SWR1 Baden-Württemberg