Agnes Reisch

Wintersport | Skispringen "Weil ich mich spüren kann" - Skispringerin Agnes Reisch freut sich auf Nordische Ski-WM

Stand: 27.02.2025 14:02 Uhr

Als Jugendliche sammelte Agnes Reisch vom WSV Isny bei Olympischen Jugendwinterspielen und Junioren-Weltmeisterschaften schon reichlich Titel und Medaillen. Jetzt ist sie erstmals bei einer Nordischen Ski-Weltmeisterschaft dabei.

Agnes Reisch verzieht das Gesicht und drückt mit ganzer Kraft mit dem rechten Bein gegen die Beinpresse. Dann quält sie sich weiter an der Langhantel. Es sei schön, wenn die Entwicklung der Muskeln zu bemerken sei, findet Agnes Reisch. Das Krafttraining sei keine Qual, es mache ihr Spaß, erzählt die 25-Jährige. Sie lacht, hat gute Laune und beschreibt sich selbst mit einem Zwinkern in den Augen: "Ich bin schon ein bisschen verrückt, ein bisschen anders. Ich bin sehr zielstrebig, sehr stur und mache halt meine eigenen Sachen."

Agnes Reisch will's bei WM-Premiere wissen

Skisprung-Leidenschaft dank Schnupperkurs

Ihre Lieblingsbeschäftigung: Skispringen. Schuld an dieser Leidenschaft ist ein Schnupperkurs, den sie als Kind beim WSV Isny absolviert. Eigentlich will sie lieber Skifahren, doch weil sie noch zu klein für den Stangenwald ist, beschließt sie kurzerhand, von der kleinen Schanze zu springen. Sofort spürt sie den Spaß am Fliegen, will immer höher und weiter springen.

Als jüngstes Mädchen in der Familie, mit zwei Brüdern und zwei Schwestern, will sie schon immer mit den großen Geschwistern mithalten, kämpft darum, mit auf große Bergtouren zu gehen und fährt den anderen auf schwierigen Alpinpisten einfach hinterher.

Schon als Kind traut sie sich viel - einmal verlässt jedoch auch die kleine Agnes der Mut: "Damals hieß es, geh mal rüber auf die 60er Schanze und probier es einfach. Als ich dann dort auf dem Balken saß, dachte ich mir: 'ooooohhh, das ist ziemlich hoch'. Dann bin ich einfach wieder zu Fuß die Treppe runtergegangen. Erst am nächten Trainingstag bin ich zum Aufwärmen hochgerannt, hab es mir in Ruhe nochmal angeguckt und gedacht, 'hey, das ist easy'. Nur im ersten Moment war es doch ein bisschen viel."

Schwierige, schmerzhafte und lehrreiche Sportlerjahre

Nie aufgeben – auch das ist typisch Agnes Reisch. Auf die erfolgreiche Skisprungzeit als Kind und Jugendliche mit vielen Medaillen bei olympischen Jugend-Winterspielen und Junioren-Weltmeisterschaften, folgen schmerzhafte Stürze und schwierige Verletzungen.

Mehrfache Knorpelschäden, ein Kreuzbandriss, Meniskus-Schaden, Schmerzen an den Sehnen – es waren und sind schmerzhafte Zeiten. Aber auch lehrreiche Jahre, erzählt Agnes Reisch, denn man lerne daraus ja auch immer wieder aufzustehen und an sich selbst zu glauben. Wichtig seien auch ihre Ansprechpartner in diesen Zeiten: Hannes Grumer von Sports Innovated habe sie in den vergangenen drei Jahren nach den Verletzungen immer wieder athletisch aufgebaut, auf Stützpunkt-Trainer Thomas Juffinger sei sowieso jederzeit Verlass und Cheftrainer Heinz Kuttin habe sie ebenfalls viel zu verdanken.

Reisch: "Heinz Kuttin passt auf uns auf"

"Er geht auf uns Athleten total ein, spürt unsere Bedürfnisse, spürt, wenn wir sagen, es ist gerade zu viel", erzählt sie. "Heinz Kuttin passt auf uns auf. Ich wäre sonst nicht hier, wo ich gerade bin und wo ich meine Leistung abrufen kann."

Eine annähernd perfekte Leistung gelingt Agnes Reisch in dieser Saison bei den Weltcup-Springen in Japan und in Amerika. Mit Teamkollegin Selina Freitag gewinnt sie in Zao den Superteam-Wettbewerb, beim Mixed-Team in Lake Placid fliegt sie gemeinsam mit Freitag, Wellinger und Raimund nach ganz oben auf das Podest.

Ein erster Podestplatz im Einzelweltcup

Sowieso ist der Tag ein ganz besonderer: Erstmals feiert sie im Einzelweltcup einen Podestplatz, wird Zweite. Das habe sie immer noch nicht so richtig realisiert, gibt sie zu, auch wenn sie wisse, dass sie stolz auf sich sein dürfe. Das Skispringerinnen-Leben jetzt sei "einfach cool", sie versuche es zu genießen, weil sie ihrem Körper vertrauen könne und das Knie halte. Auch wenn bei den Haltungsnoten noch etwas Luft nach oben sei.

Sich selbst beschreibt sie als "totale Perfektionistin", die auch im Umfeld auf jede Kleinigkeit achte. So probiere sie viele Dinge aus, beispielsweise ein molekulares Wasserstoff-Gerät, das die Zellgesundheit fördern und Entzündungen bekämpfen soll. Außerdem habe sie Rotlicht im Zimmer, um das Schlafhormon Melatonin zu fördern. Auf ihren Reisen ein steter Begleiter: Ein Stromgerät für die Behandlung ihrer Beine. Nichts wird dem Zufall überlassen - sehr zur Erheiterung ihrer Teamkollegin Selina Freitag, die findet: "Es ist verrückt, wie viele Dinge sie ausprobiert." Immerhin, so Freitag, werde es auf diese Weise nie langweilig mit Agnes Reisch.

Wohlfühlfaktor Familie

Ganz weit weg vom Leistungssport sei sie beim Spielen mit ihren zwei- und dreijährigen Nichten. Die Familie als Abschaltmoment - auch auf dem Bio-Bauernhof der Eltern in Missen-Wilhams im Allgäu. "Es gibt mir Halt, ohne den Rückhalt der Familie und die Heimat könnte ich nicht so performen, denn zu Hause bin ich die Agnes, darf ich einfach ich sein, egal was an der Schanze passiert." Was jetzt bei der Nordischen Ski-WM in Trondheim in Norwegen passieren wird?

Reisch vor erstem WM-Start

Bei ihrer ersten WM möchte sie einfach bei sich bleiben und gut Skispringen. Nach wie vor hofft Agnes Reisch auf einen Startplatz. Sollte sie nicht nominiert werden, dann drücke sie aber natürlich ihren Teamkolleginnen die Daumen. Selina Freitag sei immer lieb, habe immer aufmunternde Worte. "Und die Katha (Katharina Schmid, Anm. d. Red.) ist die Katha, man kann immer zu ihr kommen, wenn man Hilfe braucht."

Die Stimmung im gesamten Team sei hervorragend, so Reisch, und Skispringen sei sowieso der beste Sport der Welt: "Weil ich mich spüren kann. Ich kann fliegen und in der Luft agieren, mit den Flugkräften mich selber wahrnehmen und jeden kleinen Millimeter bewusst steuern. Und die Geschwindigkeit dazu ist einfach faszinierend."