
"Sommermärchen"-Prozess Sepp Blatter - FIFA hat "nur Bank gespielt"
Der ehemalige FIFA-Präsident Sepp Blatter ist der erste Zeuge im "Sommermärchen"-Prozess, dem das Gericht größere Erinnerungslücken abkauft. Einige Sachen will Blatter aber genau wissen. Etwa die, dass die FIFA bei der ominösen Zahlung von 6,7 Millionen Euro "nur Bank gespielt" habe.
"Hallo Sepp", sprach der Angeklagte Theo Zwanziger in sein Mikrofon, "du hättest es verdient, diesen Freispruch zu erreichen." Das habe er ihm noch sagen wollen, auch wenn die Vorsitzende Richterin Eva-Marie Distler gefragt hatte, ob noch jemand der Verfahrensbeteiligten Fragen an den Zeugen Joseph "Sepp" Blatter habe.
"Theo, danke", antwortete der ehemalige Präsident des Fußballweltverbandes FIFA und lobte Zwanziger, der sei ein hervorragender Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) gewesen: "Du warst mit mir der einzige Kämpfer für Reformen."
Das war dann doch reichlich dick aufgetragen. Aber die Richterin, ansonsten gerne mal streng, ging generös über die pathetische Schlussszene hinweg und entließ den Zeugen, der per Videokonferenz aus Bern zugeschaltet war.
Blatters Aussagen in Frankfurt sind auch für Ermittler in der Schweiz von Interesse
Ab Montag (03.03.2025) tauscht Blatter die Rolle. Dann ist er bei einem Berufungsprozess in seiner Heimat Schweiz der Angeklagte. Es geht unter anderem um Betrug, den er zusammen mit dem anderen Angeklagten Michel Platini, dem ehemaligen Präsidenten der UEFA, begangen haben soll. Zwei Millionen Schweizer Franken (damals etwa 1,9 Millionen Euro) erhielt Platini im Jahr 2011 von der FIFA auf Geheiß von Blatter.
Es sei ein Beraterhonorar gewesen, das mit etwa zehn Jahren Verspätung gezahlt worden sei, weil der Weltverband knapp bei Kasse gewesen sei, als die Leistung von 1998 bis 2002 erbracht wurde. Die Schweizer Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass es keine angemessene Gegenleistung für eine so hohe Nachzahlung gab. In erster Instanz sind Blatter und Platini freigesprochen worden.
Die Ermittler in der Schweiz werden mit Interesse zur Kenntnis nehmen, was Blatter am Donnerstag dem Landgericht in Frankfurt am Main erzählte. Die FIFA, so Blatter, habe dem deutschen Organisationskomitee der WM 2006 Anfang des Jahrtausends einen Kredit von 250 Millionen Schweizer Franken gewährt, um das Turnier sauber zu finanzieren.
Die Zahlungen dieses "Kredites" in mehreren Tranchen, der in den deutschen Gerichtsakten unter "Zuschuss" firmiert, sind belegt. So eng kann es um die Finanzen der FIFA also damals nicht bestellt gewesen sein.
Aber das ist ein anderer Fall. In Frankfurt geht es um schwere Steuerhinterziehung, die Theo Zwanziger vorgeworfen wird.
Blatters Erinnerungslücken hielt die Richterin für glaubhaft
Etwa 50 Minuten saß Blatter am Donnerstag im Zeugenstand, und die Richterin hätte noch deutlich mehr Fragen gehabt. Aber sie sah wie auch die Staatsanwaltschaft und die Verteidigung ein, dass es wenig Sinn mache, den bald 89 Jahren alten Mann zu löchern. Distler wandte sich sogar an die Presse: "Dieser Zeuge sollte nicht betitelt werden als Zeuge, der die gleiche Krankheit hat wie andere Zeugen."
Blatters Erinnerungslücken hielt die Richterin für glaubhaft. An manchen Stellen wirkte es auch so, als habe der Zeuge die Frage inhaltlich nicht richtig verstanden. Andererseits gab es Sequenzen, in denen Blatter mit fester Stimme aussagte, was er sicher wisse.
6,7 Millionen Euro - nur eine "Dienstleistung"?
Etwa dies: Im Jahr 2005 habe die FIFA auf Bitten des DFB "nur Bank gespielt" und die ominösen 6,7 Millionen Euro, die aus Deutschland überwiesen worden waren, sofort an Robert Louis-Dreyfus weitergeleitet, weil der in Vorleistung für eine Eröffnungsgala bei der WM getreten sei, die später abgeblasen wurde.
Er habe den Zahlungsverkehr über den Umweg zwar für "nicht normal" gehalten, aber auch nicht nachgefragt, was genau dahinterstecke. Es sei eine "Dienstleistung" für den DFB gewesen.
Blatter will erinnern, dass er schon bei der Überweisung 2005 gewusst habe, dass das Geld auf ein Konto von Louis-Dreyfus ging, dem verstorbenen Unternehmer, der dem ebenfalls verstorbenen Franz Beckenbauer 2002 zehn Millionen Schweizer Franken geliehen hatte.
Dieses Geld landete nachweislich auf dem Konto einer Firma in Katar, die mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit Mohamed bin Hammam gehörte, damals stellvertretender Vorsitzender der Finanzkommission der FIFA. In dieser Kommission, so sagte Zwanziger an einem anderen Verhandlungstag, hätten sich "alle Ganoven zusammengefunden".
"Den Namen bin Hammam habe ich in dem Zusammenhang nie gehört"
Bin Hammam kandidierte 2011 als Präsident der FIFA gegen Blatter. Zwei Tage vor der Wahl zog er aber zurück, weil es Korruptionsvorwürfe gegen ihn gab, wegen derer er etwa zwei Monate später von der Ethikkommission der FIFA lebenslang gesperrt worden war. Eine schnelle Suspendierung zuvor war auf Betreiben Blatters passiert.
Bin Hammam, der mal für Blatter Stimmen gesammelt hatte und als Vertrauter galt, nannte den Schweizer wenig später "einen Diktator". Das Verhältnis zwischen den Beiden erinnert an das von Blatter zu Platini, die auch aus Verbündeten zu Feinden wurden.
Dass Deutschland den Zuschuss (oder Kredit) für die WM 2006 nur bekommen hätte, weil bin Hammam zuvor zehn Millionen Schweizer Franken erhalten habe, will Blatter nicht gewusst haben. In fester Überzeugung sagte er: "Den Namen bin Hammam habe ich in dem Zusammenhang nie gehört."