
Sexismus gegen Schiedsrichterin Der Aufschrei bleibt aus
Während des Drittliga-Spiels SC Verl gegen Rot-Weiss Essen unterläuft Schiedsrichterin Fabienne Michel ein Fehler. Die Essener Fans quittieren das mit sexistischen Gesängen. Aber der Aufschrei bleibt aus.
Triggerwarnung: In diesem Artikel zitieren wir Aussagen, die Frauen herabwürdigen sowie sexualisierte Gewalt beinhalten.
Fabienne Michel ist derzeit die einzige Schiedsrichterin in den drei deutschen Profiligen. Damit steht sie per se unter besonderer Beobachtung. Und klar, Fehler der Unparteiischen sind immer ärgerlich. Am vergangenen Freitag bei der Drittliga-Partie zwischen dem SC Verl und Rot-Weiss Essen stand Michel im Laufweg von Klaus Gjasula. Der Essener war im Begriff, das 1:0 des Verlers Berkan Taz zu verhindern. Das erste von drei Toren, die zur Essener 0:3-Niederlage führten.
Verbale, sexualisierte Gewalt aus dem RWE-Fanblock
Auch in der zweiten Halbzeit stand Michel erneut einem Spieler im Weg. Trotzdem kommt im Anschluss der Partie keiner der RWE-Spieler auf die Idee, die klare Niederlage gegen Verl allein auf die Fehler der Schiedsrichterin zu schieben. Anders die Essener Fans. Die packen in der zweiten Halbzeit sexistische Sprechchöre gegen die Schiedsrichterin aus. So etwa als Michels in der 54. Minute dem Essener Martinovic die Gelbe Karte zeigt. Aus anfänglichen "Schieber, Schieber"-Sprechchören wird ein deutlich vernehmbares "Hure, Hure".
Der Auftakt zu weiteren Sprechchören. Besonders hoch her geht es in der 75. Minute, wie Aufnahmen eines WDR-Reporterteams vor Ort belegen. Es beginnt mit "Die Blonde wird gef*** olé, olé". Fast eine Minute lang sind die Gesänge zu hören. Es folgt ein Song, der in Essener Kreisen zum "Kult"-Repertoire gehört: Darin kommt nicht nur ein Wort vor, das sich auf "Wampe" reimt, die so Bezeichnete wird zudem im Befehlston zum oralen Geschlechtsverkehr aufgefordert.
Allein, dass diese Nacherzählung nicht noch expliziter ausfällt, zeigt, das hier ein Tabu gebrochen wird. Trotzdem haben die Gesänge zunächst keinerlei Konsequenzen. Einzig im Spielbericht der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" (WAZ) werden die sexistischen Gesänge zur Schlagzeile und im Text als "geschmacklos" und "nicht zitierfähig" bezeichnet.
Trotzdem bleibt der Vorfall zunächst eine Randnotiz. Es gibt, anders als etwa in Fällen von Rassismus, keine Verurteilung der Gesänge und damit auch keine Solidaritätsbekundungen vonseiten der Vereine, Fans, Schiedsrichterkollegen oder dem Deutschen Fußball Bund (DFB). Dem Verband wird der Fall sogar erst durch die weiterführenden Recherchen der Sportschau bekannt.
Warum Sexismus im Fußball niemanden aufregt
Sexismus, das macht der Fall erneut deutlich, gehört im Fußball zum Alltag. "Wir erleben viel zu häufig, dass Schiedsrichterinnen solchen Schmähgesängen ausgesetzt sind", sagt etwa Dr. Thaya Vester, die im Auftrag des DFB zu Diskriminierungserfahrungen von Schiedsrichterinnen geforscht hat. Bezogen auf den konkreten Fall sagt die Kriminologin von der Uni Tübingen: "Es ist definitiv menschenverachtend. Das hat im Fußball nirgendwo was zu suchen, ebenso wenig in einem Fußballstadion und auch nicht im öffentlichen Raum. Da liegen mehrere Dinge vor, die zwingend eine Reaktion hervorrufen müssten."
Die Sportschau hat sowohl den gastgebenden Verein SC Verl als auch die Verantwortlichen von Rot-Weiss Essen nach diesem Vorfall befragt. Der Schiedsrichterbeauftragte, der seitens des SC Verl an dem Tag für alle Belange rund um die vier Offiziellen zuständig war, hat erst nach dem Spiel auf die sexistischen Gesänge hingewiesen.

Schiedsrichterin Fabienne Michel (r.) im Spiel SC Verl gegen RW Essen
In der Nachbesprechung seien sie nicht Thema gewesen. Auch nicht im Gespräch mit der Schiedsrichterin Fabienne Michel. Ob sie die sexistischen Äußerungen während des Spiels mitbekommen hat, ist fraglich. In beiden Situationen war sie intensiv in das Spielgeschehen involviert. Aus Essen gab es zunächst keine Reaktion.
Sexismus verhindert Gleichberechtigung
Jetzt könnte man natürlich fragen: Wenn sich niemand aufregt, ist es denn dann überhaupt so schlimm? Dazu lohnt es sich, den Blick zu weiten. Der moderne Fußball engagiert sich für Geschlechtergerechtigkeit und gegen Diskriminierung. Trotzdem sind es vor allem sexistische Erfahrungen, die dazu führen, dass Frauen den Sport wieder verlassen.
Das gilt in besonderem Maße für das Schiedsrichterwesen. Bundesweit gab es in der Saison 2023/24 nur 2.671 aktive Schiedsrichterinnen. Das entspricht einer Frauenquote von 4,57 Prozent. Dabei gibt es durchaus Bemühungen, Frauen und Mädchen aktiv für das Schiedsrichterwesen zu begeistern.

Thaya Vester, Kriminologin an der Universität Tübingen
Aber im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen verlassen sie das System eher wieder: Während bei den Männern über die Jahre jeder Fünfte aussteigt, ist es bei den Frauen jede Dritte. "Wenn wir uns den Dropout anschauen, gibt es da sehr deutliche Hinweise, dass Sexismus eine große Rolle spielt, warum Schiedsrichterinnen die Pfeife an den Nagel hängen und sagen, sie tun sich das nicht an", stellt Thaya Vester fest.
Es fehlt das Problembewusstsein
Dass Sexismus trotzdem nicht als Problem erkannt und angegangen werde, liege vor allem daran, dass er so alltäglich sei, sagt Fanforscher Jonas Gabler vom Kompetenzzentrum Fankulturen und Sport bezogene soziale Arbeit, kurz KoFas: "Wenn Sexismus in so massiver Form wie in diesem Beispiel auftaucht und dann von kaum jemanden als solcher erkannt beziehungsweise thematisiert wird, dann ist das ein deutliches Zeichen dafür, dass das in diesem Kontext der Normalzustand ist", sagt Gabler. "Sexismus ist im Fußball immer noch normalisiert."
Und das führt dazu, dass oft auch den Frauen nicht bewusst ist, wie sich Sexismus in einem männerdominierten Umfeld auswirkt, erklärt Thaya Vester: "Sexismus ist die häufigste Diskriminierungsform. Sie wird schlichtweg nicht erkannt sowohl von den Betroffenen als auch von den Ausführenden, weil das so tief in uns allen drinsteckt."
Und so kommt es, dass der große Aufschrei ausbleibt, selbst dann, wenn Fans menschenverachtende Gesänge in Richtung einer Schiedsrichterin brüllen. Für Jonas Gabler ein Systemversagen, in das er alle Beteiligten mit einbezieht: "Es ist nicht von den Vereinen adressiert worden, es ist nicht vom Verband adressiert worden, auch die Medien haben es nicht größer thematisiert", kritisiert er. "Es gibt diese eine Meldung in der 'WAZ', die das adressiert hat, aber auch das hat nicht unmittelbar zu einem größeren Aufschrei geführt."
Die Verantwortung liegt nicht bei den Betroffenen
Was auch daran liegen könnte, dass der Vorfall in Verl kein Einzelfall ist. Sich über die Unparteiischen aufzuregen, sie zu beleidigen, gehört für viele zum Fußball dazu. Dabei seien die Grenzen zwischen Beleidigung und sexistischer Diskriminierung anscheinend nicht bewusst: "Diese Sensibilität ist etwas, was im Fußball erst gelernt werden musste", erklärt Jonas Gabler mit Blick auf andere Diskriminierungsformen wie zum Beispiel Rassismus. Erst seit Anfang der 2000er Jahre gibt es ernsthafte Bemühungen, gegen Rassismus im Fußball vorzugehen.
Die Frage ist, warum im Falle von sexistischer Diskriminierung bislang keine besonderen Schutz- oder Aufklärungskonzepte bereitstehen. Nicht zuletzt die Studie von Thaya Vester mit dem bezeichnenden Titel "So eine Fotze, die sieht doch nichts", belegt eindrücklich, dass Sexismus zum Alltag von Schiedsrichterinnen im Fußball der Männer gehört. Mit diesem Wissen gebe es eine besondere Verantwortung seitens der Vereine und Verbände für entsprechenden Schutz zu sorgen, findet Gabler.
Denn durch die Diskriminierung hätten Schiedsrichterinnen einen Nachteil gegenüber ihren männlichen Kollegen: "Schiedsrichter werden vielleicht auch beleidigt von Fans, aber sie werden nicht sexistisch beleidigt. Das ist etwas, das nur Schiedsrichterinnen erfahren können", unterstreicht Gabler. "Um da gleiche Voraussetzungen zu schaffen, muss ich mir vorher Gedanken machen, wie schütze ich eine Schiedsrichterin vor solchen Vorfällen. Das sollte idealerweise nicht erst passieren, wenn das tatsächlich eingetreten ist."
Der SC Verl will sich jetzt noch mal intensiver mit den Vorfällen auseinandersetzen und für das Problem sensibilisieren. Auch die DFB Schiri GmbH wird die sexistischen Ausfälle der Essener Fans nun noch mal untersuchen.