VfL-Torwart Patrick Drewes muss nach Feuerzeug-Wurf behandelt werden, Mitspieler Felix Passlack spricht vorher mit ihm, Bundesliga-Spiel zwischen dem 1. FC Union Berlin und Bochum am 14.12.2024 (Bild: Imago Images/Matthias Koch)

Skandalspiel Union gegen Bochum Feuerzeugwurf - Was in der Berufungsverhandlung auf dem Spiel steht

Stand: 26.02.2025 14:03 Uhr

Am Freitag steht die Berufungsverhandlung gegen das Urteil des DFB-Sportgerichts im Feuerzeug-Skandalspiel zwischen Union Berlin und dem VfL Bochum an - die Hintergründe.

Was ist am 14. Dezember passiert?

In der Partie von Union Berlin gegen den VfL Bochum war Bochums Torhüter Patrick Drewes in der Nachspielzeit von einem Feuerzeug touchiert worden, das aus der Berliner Fankurve geflogen war. Schiedsrichter Martin Petersen setzte die Partie nach einer längeren Unterbrechung beim Spielstand von 1:1 fort. Die beiden Teams schlossen einen "Nichtangriffspakt" und schoben sich nur noch den Ball hin und her. Drewes hatte zu diesem Zeitpunkt den Platz verlassen. Weil das Wechselkontingent der Bochumer erschöpft war, ging Mittelstürmer Philipp Hofmann ins Tor.

Was passierte mit dem Feuerzeugwerfer?

Der Werfer des Feuerzeugs wurde durch Videoaufzeichnungen ermittelt und noch während des Spiels identifiziert und der Polizei übergeben. Union Berlin schloss den 27-Jährigen aus dem Verein aus und verhängte ein bundesweites Stadionverbot für drei Jahre - die längstmögliche Dauer für ein solches Verbot. Dazu gab es Strafanzeigen gegen den Werfer wegen Hausfriedensbruchs und Gefährlicher Körperverletzung.

Wie fiel das erste Urteil aus?

Das DFB-Sportgericht hat das Spiel am 9. Januar mit 2:0 für Bochum gewertet. Es sah Bochum als geschwächt an, weil statt des Torhüters ein Feldspieler zwischen die Pfosten ging und der VfL die Partie mit zehn Mann zu Ende spielte. Dafür trüge der gastgebende und für seine Fans haftende Verein Union Berlin die Schuld.

Wer hat Berufung eingelegt?

Union hatte unmittelbar nach dem Urteil im Januar Berufung eingelegt. Holstein Kiel und der FC St. Pauli schlossen sich an. Die beiden Vereine sehen sich im Abstiegskampf indirekt betroffen, wenn ihr Kellerkonkurrent VfL Bochum statt des einen Punkts alle drei Punkte am grünen Tisch bekommt. Ihr Interesse liegt auf der Hand, wie sie aber ihre tatsächliche Beteiligung an dem Verfahren begründen wollen, ist unklar.

Wann steigt die Sitzung und wer leitet sie?

Der Termin wurde für den 28. Februar ab 12.30 Uhr am DFB-Campus in Frankfurt angesetzt. Die Sitzung leitet Oskar Riedmeyer, der Vorsitzende des DFB-Bundesgerichts. Als Beisitzer fungieren Arno Heger und Ex-Profi Carsten Ramelow. der früher für Bayer Lewverkusen und Unions Erzrivalen Hertha BSC gespielt hat.

Was spricht für den VfL Bochum?

Für den VfL spricht, dass der DFB die Auffassung haben könnte, mit einem harten Urteil für Abschreckung bei Fans sorgen zu müssen. Dass Drewes geschauspielert haben könnte, zumal sein Mitspieler Felix Passlack direkt nach dem Wurf lange auf ihn einredete, war direkt nach dem Spiel in den Katakomben durchaus Thema - inzwischen spricht davon aber zumindest öffentlich niemand mehr. Sicher scheint: Vor Gericht wird diese Frage keine Rolle spielen.

Was spricht für Union Berlin?

Hätte Schiedsrichter Petersen die Partie abgebrochen, wäre der Fall eindeutig gewesen: Bochum hätte die Punkte bekommen, weil Berlin für den Werfer aus der Union-Fankurve haftet - Grundlage ist Paragraph 9a der Rechts- und Verfahrensordnung, dem Verein und seinem Ordnungsdienst muss dabei kein eigenes Verschulden nachgewiesen werden. Sportrechtler Paul Lambertz zum RBB: "In diesem Fall ist es aber so, dass der Schiedsrichter - obwohl er gesehen hat, dass der Bochumer Keeper getroffen worden ist - mit seinen Assistenten und in Absprache mit dem "Kölner Keller" entschieden hat, dass dieses Spiel nicht abgebrochen wird. Hierfür sehen die DFB-Regularien keine Regelung vor. Die erste Instanz fand das aber offensichtlich so ungünstig, dass sie nach einer Lösung gesucht hat, dieses von ihnen empfundene Unrecht geradezubiegen. So haben sie sich einer Analogie bedient und verkürzt gesagt: Das Spiel hätte abgebrochen werden müssen und Union hätte den Spielabbruch verschuldet. Für eine Analogie ist in diesem Fall aber kein Raum, deshalb halte ich die Entscheidung für falsch."

Wie begründet Union den Einspruch?

Union-Präsident Dirk Zingler begründet den Einspruch damit, dass der Wurf eines Gegenstands von keinem Veranstalter zu verhindern sei. Für "viel schlimmer" hält er es jedoch, "wenn jemand versucht, sich aus diesen Ereignissen einen Vorteil zu verschaffen." Zingler weiter: "Wir setzen uns der Gefahr aus, dass in Zukunft nicht die sportlichen Leistungen der Mannschaften entscheiden, wie ein Spiel ausgeht, sondern mögliche Schmähungen, Beleidigungen, Rauch oder eben der Wurf eines Gegenstandes. Ob für eine Seite eine Beeinträchtigung oder Schwächung vorliegt, ob das Spiel abgebrochen oder fortgesetzt wird, muss immer in der alleinigen Entscheidung des Unparteiischen liegen. Wenn die nutznießende Partei ihre Schwächung selber erklären kann, brauchen wir keine unparteiischen Schiedsrichter mehr, Betrug und Schmierentheater ist Tür und Tor geöffnet. Die benachteiligten Parteien werden nie in der Lage sein, das Gegenteil zu beweisen."

Was hält der VfL Bochum dagegen?

Der VfL stellte nach dem Union-Statement auf seiner Homepage klar, "dass er die Situation - aufgrund eines Einzeltäters bestraft zu werden - aus eigener Erfahrung kennt. Auch deshalb hat der Verein zu keiner Zeit mit dem Finger auf die Union-Verantwortlichen gezeigt, Schuldzuweisungen getätigt oder Vorwürfe erhoben, sondern ist lediglich seiner Pflicht gegenüber den eigenen Fans und Mitgliedern nachgekommen, die Interessen des Vereins zu wahren." (...) Man wundere sich über die Stellungnahmen Berliner Klubverantwortlicher. "Auch wenn inzwischen vielerorts eine völlige Umkehr der Täter-Opfer-Rolle stattgefunden hat, wird sich der VfL zum Schutz seiner Spieler nicht provozieren oder reizen lassen. Wir akzeptieren das Regelwerk des DFB und haben volles Vertrauen, dass die Sportgerichtsbarkeit dies weiterhin korrekt anwenden wird."

Was wären die Auswirkungen im Abstiegskampf?

Da das erstinstanzliche Urteil wegen des Berliner Einspruchs noch keine Rechtskraft hat, ist in der aktuellen Tabelle das 1:1 berücksichtigt. Wenn Bochum statt des einen nun drei Punkte bekäme, würde der VfL am 1. FC Heidenheim vorbeiziehen und auf Platz 16 landen. Union büßt bei zwei Punkten weniger und einer Wertung von 0:2 einen Tabellenplatz ein und läge dann wegen der weniger geschossenen Tore punktgleich hinter der TSG 1899 Hoffenheim auf Rang 14.

Ist diese Verhandlung wirklich die letzte?

Innerhalb des DFB ist das Bundesgericht die letzte Instanz. Eine darüber hinausgehende Berufung wäre vor dem Ständigen Neutralen Schiedsgericht für Vereine und Kapitalgesellschaften möglich, auch der Gang vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS ist vorstellbar.

Wie wurde in vergleichbaren Fällen entschieden?

Tatsächlich ist der Feuerzeugwurf bei weitem nicht der erste Sknadal dieser Art, der deutsche Fußballklubs ereilte. Es flogen schon Coladosen, kleine Schnapsflaschen, Golfbälle, Kastanien, Trockeneis-Stückchen, ein Schokoriegel der Sorte "Snickers", Münzen, Bierbecher. In den meisten Fällen gab es Spielwiederholungen, dazu auch Geldstrafen, partielle Fan-Ausschlüsse, sogar Platzsperren. Im Falle von Alemannia Aachen gegen den 1. FC Nürnberg im Jahr 2003 nach Münzwürfen gegen Gästetrainer Wolfgang Wolf folgte sogar das erste "Geisterspiel" der DFB-Geschichte.

 Oliver Kahn mit einer Platzwunde am Kopf und dem Golfball in der Hand

Am bislang jüngsten Skandal war der VfL Bochum selbst beteiligt: In der Partie gegen Gladbach am 19. März 2022 wurde Linienrichter Christian Gittelmann in Bochum von einem Bierbecher getroffen, die Partie wurde beim Stand von 2:0 für die Gäste abgebrochen und auch später genauso gewertet. Als einziger Fall ohne jede Konsequenz blieb der Snickers-Wurf gegen Oliver Reck am 7. Februar 1998. Reck wollte beim Stand von 1:3 in Leverkusen zwar einen "stechenden Schmerz am Hals" gespürt haben - Werder verzichtete aber auf einen Protest.

Schiedsrichterassistent Christian Gittelmann fasst sich an seinen Hinterkopf nachdem er von einem Bierbecher von der Zuschauertribüne getroffen wurde