
Nations League gegen Schottland Wück und die vielen Wechsel - Wo stehen die DFB-Frauen vor der EM?
Der Countdown läuft, die Zeit bis zum EM-Start wird langsam knapp. Bundestrainer Christian Wück ist nach wie vor auf der Suche nach seinem Kader und der besten Formation. Die Datenanalyse zeigt, wo die Baustellen sind - und wie sie zu schließen wären.
Wenn die deutsche Frauen-Nationalmannschaft heute (20.35 Uhr) in der Nations League in Schottland antritt, sind es noch genau drei Monate bis zum ersten EM-Spiel in der Schweiz. Am 4. Juli steht das Duell mit Polen an.
Wück hat vor einem guten halben Jahr die Nachfolge von Horst Hrubesch angetreten, der nach der Olympia-Bronzemedaille in Paris abgetreten war. Und er ist weiterhin dabei, die Mannschaft auf seinen Weg einzuschwören.
Die fünf großen Baustellen laut Datenanalyse
- Defensive Kompaktheit und Abstimmung im Mittelfeldpressing
- Gegenpressing und Restverteidigung
- Fehlende Hierarchien und Rollenklärung im Zentrum
- Unbesetzte Stammpositionen und Integration neuer Spielerinnen
- Fehlende Balance zwischen Kontrolle und Risiko
Das zeigt auch die große Zahl von Spielerinnen, die Wück eingesetzt hat: 30 waren es in sechs Partien. Auch die Ergebnisse seit dem vergangenen Sommer sind durchwachsen: Drei Siegen stehen ein Remis und zwei Niederlagen gegenüber.
Wück sucht nach wie vor nach den richtigen Spielerinnen für sein System. Laut der Datenanalyse von Global Soccer Network (GSN), die auch die Baustellen klar benennt, würde aber ein anderes System viel besser zu den Spielerinnen passen. Klar ist: Bei nur noch vier Begegnungen bis zum Start der Europameisterschaft hat der Bundestrainer nicht mehr viel Zeit zum Testen.
Neues System: Vorne hui, hinten pfui
Wück setzte beim Amtsantritt auf sein bewährtes 4-2-3-1. Mit diesem System hat der Fußball-Lehrer 2023 mit der männlichen U17 des DFB die Weltmeisterschaft gewonnen und den größten Erfolg seiner Karriere gefeiert.
Im Vergleich zu Hrubeschs (ebenfalls erfolgreichen) 4-4-2 ist die Formation deutlich komplexer. Hrubesch setzte auf klare Rollenverteilung, Stabilität und direktes Spiel. Wück möchte hingegen mit viel Ballbesitz das Spiel kontrollieren. Und die GSN-Daten belegen: Offensiv klappt das sehr gut.
Das Modell der "Expected Goals"
"Expected Goals" sind "zu erwartende Tore" und werden anhand eines Datenmodells berechnet, in das eine Vielzahl von Faktoren einfließt - unter anderem von wo auf dem Platz der Abschluss erfolgte, wie der Winkel zum Tor war und wie viele Gegenspieler noch zwischen Ball und Tor standen. Jede Torchance erhält dabei einen Wert zwischen 0 und 1, um die Wahrscheinlichkeit zu bestimmen, mit der der Ball von diesem Punkt aus im Tor landet. "Expected Goals"-Werte sind so aussagekräftiger als die normale Torschuss-Statistik, die alle Abschlüsse gleich behandelt. GSN hat zur Berechnung mehr als 3 Millionen Tore ausgewertet.
Die Torausbeute stieg von im Schnitt 2,33 Treffern auf 3,0. Dass das kein Zufall ist, belegt auch die Steigerung bei den "Expected Goals" (2,55 statt 2,35). Obwohl das Team insgesamt deutlich weniger Schüsse abgibt (18 statt 21,17), kommen mehr aufs Tor (9 statt 6,17).
Das Gegenteil ist allerdings in der Defensive passiert. Die Anzahl der Gegentore pro Spiel hat sich mehr als verdreifacht (1,67 statt 0,5) und die Zahl erfolgreicher Defensivaktionen ist rapide gesunken (von 307 auf 233). Außerdem hat sich die Anzahl der Pressingduelle fast halbiert (von 31,67 auf 16,75), allzu oft fehlt der Mannschaft der Zugriff.
Wück sieht selbst noch Nachholbedarf
Die Situation ist drei Monate vor der EM nicht einfach. Das hat zuletzt auch der Bundestrainer im Sportschau-Interview selbst eingeräumt: "Wir haben in den ersten beiden Nations-League-Spielen im Februar gemerkt, dass wir vielleicht doch noch nicht so weit sind, wie wir uns das vom Potenzial der Mannschaft vorgestellt haben."
In den Niederlanden hatte es da ein 2:2 gegeben, gefolgt von einem 4:1 gegen Österreich. Die Art und Weise, wie die Ergebnisse zustande gekommen waren, hatte jedoch für Stirnrunzeln gesorgt.
Bei den Gegentoren hatte das Team nicht gut ausgesehen. Und auch der klare Sieg gegen Österreich hat deutlich mehr Mühe gekostet, als das Ergebnis vermuten lässt. Abstimmungsprobleme innerhalb und zwischen den verschiedenen Mannschaftsteilen sind offensichtlich. Was angesichts der vielen - auch verletzungsbedingten - Wechsel allerdings nicht verwundert.
Debütantinnen passen genau in Wücks System
Dabei loben die Datenanalysten Wücks Ansatz durchaus: Er habe für mehr Effizienz im Abschluss, eine bessere Passstruktur, mehr Kontrolle im Spiel und mehr Flexibilität im Angriffsspiel gesorgt. Die sieben Spielerinnen, die unter dem neuen Bundestrainer ihr Debüt feierten, passen demnach zudem "konsequent zur Systemumstellung auf ein 4-2-3-1". Gleiches gilt für Franziska Kett (Bayern München), die in Schottland zu ihrem ersten Länderspiel-Einsatz kommen könnte.
Name (Alter/Verein/Position) | Debüt |
---|---|
Giovanna Hoffmann (26/RB Leipzig/Sturm) | am 25.10.24 gegen England |
Lisanne Gräwe (22/Eintracht Frankfurt/Mittelfeld) | am 28.10.24 gegen Australien |
Sophia Winkler (21/SGS Essen/Tor) | am 29.11.24 gegen die Schweiz |
Cora Zicai (20/SC Freiburg/Sturm) | am 29.11.24 gegen die Schweiz |
Alara (18/Bayern München/Mittelfeld) | am 29.11.24 gegen die Schweiz |
Ena Mahmutovic (21/Bayern München/Tor) | am 02.12.24 gegen Italien |
Rebecca Knaak (28/Manchester City/Abwehr) | am 21.02.25 gegen die Niederlande |
Franziska Kett (20/Bayern München/Sturm) | ? |
GSN rät zum Systemwechsel
Das Problem: Möglicherweise ist das 4-2-3-1-System gar nicht das beste System für den deutschen Kader. Eine Spur, die Wück zuletzt womöglich schon aufgenommen hatte, als er sagte: "Auf einigen Positionen haben wir Spielerinnen, die ich zur Weltklasse zähle. Aber auf anderen Positionen sind wir noch nicht zu 100 Prozent zufrieden." Der 51-Jährige kündigte an, "Lösungen finden" zu wollen.
GSN kommt in seiner Analyse zum Ergebnis, dass das Team in einem 4-3-3 besser funktionieren könnte. Drei "Achter" statt Doppel-Sechs und Spielmacherin, die Wück bisher auch nicht gefunden zu haben scheint. Ein Mittelfeld-Trio könne sich Aufbauräume, Spielverlagerung und Zugriff besser teilen. Und mit zwei klaren Außenangreiferinnen, von denen es im Kader einige gibt, sowie einer klaren Mittelstürmerin müsste auch die Offensivstärke nicht leiden.
Fazit: "Keine radikale Umstellung, sondern logische Anpassung"
Wück hat bisher viel ausprobiert und munter durchgewechselt. Mit Kapitänin Giulia Gwinn, ihrer Stellvertreterin Janina Minge und Klara Bühl standen nur drei Spielerinnen bei allen sechs Begegnungen unter Wück in der Startformation. Zusammen mit Sjoeke Nüsken, Elisa Senß und Sarai Linder, die fünf Spiele von Beginn an bestritten haben, und Torhüterin Ann-Katrin Berger, die Wück zuletzt als Nummer eins bestätigt hat, zeichnet sich mittlerweile ein Gerüst ab, das auch beim 4-3-3 eine entscheidende Rolle spielen könnte.
Aus Datensicht wäre die Systemänderung auch gar "keine radikale Umstellung, sondern eine logische Anpassung", die "taktisch bessere Entfaltungsmöglichkeit als das 4-2-3-1" biete. Und vielleicht wäre dieser Kniff das letzte Puzzlestück, das noch zum Erfolg fehlt. Denn in der Schweiz soll es hoch hinaus gehen: Den EM-Titel haben die Spielerinnen schon offensiv als Ziel ausgegeben.
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Sport aktuell | 04.04.2025 | 20:35 Uhr