Ruben Amorim

Derby gegen City Manchester United am Scheideweg - Amorim soll es richten

Stand: 03.04.2025 12:39 Uhr

Manchester United befindet sich in der schlimmsten sportlichen Krise seit 35 Jahren. Das Prestigeduell gegen Stadtrivale City gerät zur Nebensache. Es geht um die Zukunft, die Neu-Trainer Ruben Amorim gestalten soll.

Als Ruben Amorim Mitte Januar nach einer erneuten Heimniederlage von Manchester United davon sprach, dass "wir das wohl schlechteste Team in der Vereinsgeschichte" sind, war das ein in vielerlei Hinsicht bemerkenswerter Satz. Der Portugiese war zu diesem Zeitpunkt kaum zwei Monate als Trainer im Amt beim englischen Rekordmeister.

Und doch steckt im "wir" und in der Tatsache, diese Erkenntnis zu erlangen und sie darüber hinaus auch noch auszusprechen, sehr viel mehr als die offensichtliche Schlagzeile: Amorim will die Revolution in Manchester. Der Klub soll sich seinem Plan unterordnen, auch wenn der Weg schmerzhaft ist.

Überschaubare Start-Bilanz für Amorim

Manchester United, einst Dauergast in der K.o.-Phase der Champions League, ist Tabellen-13. in der Premier League. Übernommen hatte Amorim den kriselnden Klub Anfang November von Erik ten Hag - auf Platz 13 liegend. Seine überschaubare Bilanz seither: 29 Pflichtspiele, 13 Siege.

Amorims Bilanz bei Man United 24/25
Premier League Europa League FA Cup / EFL Cup
19 Spiele 6 Spiele 4 Spiele
22 Punkte 5 Siege / 1 Remis 2 Siege / 2 Niederlagen

Amorim war der Wunschtrainer der in den vergangenen eineinhalb Jahren neu formierten Führungsetage im Klub - allen voran von CEO Omar Berrada und Miteigentümer Jim Ratcliffe. Da musste Amorims Wunsch, den Trainerposten erst nach der laufenden Saison zu übernehmen, hinten anstehen. Jetzt oder nie, soll es geheißen haben. Amorim entschied sich für Ersteres, verließ Sporting in der vielleicht besten Phase seiner Vereinsgeschichte: als Meister bis Anfang November alle Ligaspiele gewonnen und Zweitplatzierter von 36 Teams in der Champions League.

Amorims Bilanz bei Sporting 24/25
Liga Portugal Champions League Portugiesischer Pokal
10 Spiele 4 Spiele 1 Spiel
30 Punkte 3 Siege / 1 Remis 1 Sieg

Auch diese Bilanz ist der Grund dafür, dass der noch sehr junge Amorim, im Januar wurde er 40 Jahre alt, auf dem Trainermarkt schon seit einiger Zeit sehr begehrt war. Im vergangenen Sommer stand er als Klopp-Nachfolger in Liverpool im Raum, auch Manchester City soll sich mit Amorim beschäftigt haben - für den Fall, dass es mit Pep Guardiola nicht weitergegangen wäre.

Liga-Duell gegen Man City sportlich irrelevant

Auf jenen Guardiola trifft Amorim am Sonntagabend (06.04.2025) in seinem bereits zweiten Stadtderby. Sportlich für United praktisch irrelevant, weil der Abstand zu den Abstiegsplätzen riesig ist, der Rückstand zu den Eurpapokal-Plätzen aber auch. Die erste Partie gegen City Mitte Dezember endete spektakulär: Amad Diallo drehte binnen zwei Minuten kurz vor Schluss das Spiel - United siegte mit 2:1. Citys Krise, aus der sie noch immer nicht so richtig rausgefunden haben, verschärfte sich. Amorim durfte einen der wenigen Lichtblicke als United-Coach erleben.

Die 0:1-Niederlage bei Champions-League-Anwärter Nottingham Forest am Dienstag (01.04.2025) war der nächste Dämpfer und offenbarte einmal mehr die Vielzahl an Problemen, die Amorim lösen muss. Dabei könnte man die Partie spielerisch als Fortschritt werten. Denn obwohl die Rädchen immer mehr ineinander greifen, fehlt United ein verlässlicher Torjäger und viele Spieler finden sich im, inzwischen gar nicht mehr so neuen, System nicht zurecht.

Bruno Fernandes

Bruno Fernandes

Bei Bruno Fernandes ist das anders. Der Kapitän, der zuletzt in der Europa League mit einem Dreierpack gegen Real Sociedad für Furore sorgte, gilt als Amorims verlängerter Arm auf dem Platz. In dessen 3-4-2-1-System kommt der 30-Jährige entweder auf der sogenannten Halbzehner-Position oder auf der Doppelsechs zum Einsatz. Er wurde zuletzt als mögliches Transferziel von Real Madrid im kommenden Sommer genannt - dem hat Amorim eine klare Absage erteilt: "Er geht nirgendwo hin. Ich möchte Bruno hier haben, denn wir wollen wieder die Premier League gewinnen."

Bruno Fernandes in der Saison 24/25
Premier League Europa League FA Cup / EFL Cup
29 Spiele 9 Spiele 6 Spiele
8 Tore / 10 Vorlagen 4 Tore / 2 Vorlagen 4 Tore / 3 Vorlagen

United unter Amorim: Ein Schritt nach vorn, zwei zurück

Wenn man die aktuelle Situation betrachtet, klingt das wie ein Scherz. Aber Amorim hat diese ernsthafte Vision - und ist dafür bereit, den aktuellen Leidensweg weiterzugehen. "Wir müssen leiden, alle rund um den Klub", hatte er schon im Dezember immer wieder betont, als erste kritische Stimmen laut wurden in der englischen Presse.

Was seit Amorims Ankunft passiert, könnte man kaum besser beschreiben als mit der Redewendung "Ein Schritt nach vorn, zwei zurück": Während man seit Ende Dezember vier Premier-League-Heimspiele verlor und dabei teilweise chancenlos wirkte, warf man Anfang Januar binnen weniger Tage Arsenal aus dem Pokal und verpasste denkbar knapp einen Sieg beim designierten Meister Liverpool. Und: Eine letzte Titelchance besteht noch - als Viertelfinalist in der Europa League. Im Europapokal ist man als einziges Team überhaupt noch ungeschlagen in dieser Spielzeit.

Wie kann ein Umbruch funktionieren?

Amorim wird den aktuell laufenden Umbruch, in immer noch einem der größten Klubs der Welt, weiterhin mit seiner sehr ehrlichen und offenen Art modiereren müssen. Aber er muss ihn auch gestalten. Die Liste der Profis, die den Klub im Sommer verlassen sollen, ist lang. Darunter auch Topverdiener wie Casemiro, der über 20 Millionen Euro jährlich kassiert. Der Klub hat in den vergangenen Jahren so viele hundert Millionen Euro in Transfers gesteckt, die nicht funktioniert haben, dass die Ansage von oben - da wären wir wieder bei Berrada und Ratcliffe - inzwischen eine andere ist: Erfolg ja, aber nicht zu jedem Preis.

Ein Beispiel wie das funktionieren kann, hat Amorim kürzlich gezeigt: Im Januar kam Ayden Heaven von Ligakonkurrent Arsenal. 18 Jahre jung, saß bei den "Gunners" ein paar Mal auf der Ersatzbank. Inzwischen hat der groß gewachsene Innenverteidiger sein Premier-League- und Europa-League-Debüt absolviert, mehrfach überzeugt und ist eine echte Option für die Dreier-Abwehrkette. Ablöse: rund eine Million Euro.

Ayden Heaven

Ayden Heaven

Manchester United am Scheideweg

Es ist ein Scheideweg, an dem sich Manchester United im Frühjahr 2025 befindet. Beobachter und Experten von der Insel sagen "schon wieder", einige aber mahnen auch: Jetzt oder nie. Entweder findet der Klub mit Amorim zurück in die Spur oder gar nicht mehr. Der Coach kennt das mit dem "jetzt oder nie" und macht keinen Hehl daraus, was er vorhat: Er möchte die Premier League gewinnen.

Interessanterweise hat er damit eines gemeinsam mit Klub-Legende und Ex-Coach Sir Alex Ferguson, der bei seinem Amtsantritt 1986 davon sprach, Liverpool als Rekordmeister ablösen zu wollen (United hatte sieben, Liverpool 16). Das klang damals ebenso kühn, vielleicht sogar überheblich. Ferguson hat es geschafft, auch wenn Liverpool im Mai wohl wieder gleichziehen wird.

Amorim steht erst am Anfang. Und auch wenn er mit seinem Zitat eine effektvolle Schlagzeile kreiert hat: Das aktuelle Team ist nicht das schlechteste der Vereingsgeschichte. Es ist "nur" das schlechteste seit 35 Jahren. Damals, in der Saison 1989/90 wurde man Dreizehnter.

Drei Jahre später folgte die Meisterschaft. Die erste unter Ferguson.