
Nach Finaleinzug im DFB-Pokal Zwei Jahre Sebastian Hoeneß beim VfB - Das Ende der Großbaustelle
Sebastian Hoeneß hat den VfB Stuttgart in zwei Jahren so umgekrempelt, wie ihm das niemand zugetraut hat. Seine Mission ist noch nicht vorbei. Eine Meinung von Johannes Holbein.
Als Sebastian Hoeneß am 03. April 2023 in Stuttgart übernimmt, lässt sich das Kürzel "VfB" am besten mit "Verein für Baustellen" ausformulieren. Der Traditionsklub steht in der Bundesliga auf Platz 18, es drohen der dritte Abstieg innerhalb von sieben Jahren und damit verbunden dramatische finanzielle Folgen. Nach Jahren, in denen beim Klub Trainer, Sportdirektoren, Klubchefs reihenweise ausgetauscht wurden, geht es nicht mehr nur um die im Fußballer-Deutsch inflationär gebrauchte "Trendwende": Es geht um das große Ganze. Der gebürtige Münchner Sebastian Hoeneß soll - er muss - den Verein retten.
Hoeneß hat die Stuttgarter Großbaustelle abgeräumt
Heute fühlt sich ein Rückblick auf die zwei Jahre unter Hoeneß unwirklich an. Der 42-Jährige hat die Mannschaft zunächst vor dem Abstieg bewahrt, sie in der Folgesaison auf den zweiten Platz geführt, in der Champions League, auf der größten Vereinsfußball-Bühne überhaupt, zu einem beachtlichen Auftritt in Madrid und einem sensationellen Sieg in Turin gecoacht. Fans haben ihren VfB kaum wiedererkannt: So frisch, mutig, beschwingt, zielgerichtet hat sich der Hoeneß-Fußball auf dem Rasen entfaltet.
Hoeneß hat die Stuttgarter Großbaustelle nach und nach abgeräumt, seinem Team ein neues fußballerisches Image verpasst und viele Spieler besser gemacht. Und es ist ihm gelungen, aufgrund seines nahbaren, lockeren und dennoch strebsamen Auftritts, eine echte Verbindung zu den Fans aufzubauen. Er bestieg den Zaun der Cannstatter Kurve, als er es nach dem ersten Heimsieg gegen die Bayern seit 2007 für den richtigen Zeitpunkt hielt. Sein berühmtestes Zitat in zwei Jahren VfB: "Wir spielen Champions League, verdammte Scheiße!"
Was kann man Hoeneß vorwerfen?
Es wäre nicht der VfB, wenn es nicht die eine oder andere Bruddelei gäbe. Was kann man Hoeneß vorwerfen? Dass die Mannschaft in der zweiten Saison unter seiner Leitung schwache Phasen durchläuft, nicht mehr so frisch und spielfreudig wirkt? Dass einzelne Spieler nicht die Form haben, die sie hatten? Dass er manchmal zu spät ein- beziehungsweise ausgewechselt hat? All das darf kritisiert werden. Aber im Vergleich zur Großbaustelle, die er vorfand, sind das eher überschaubare Arbeiten - und Hoeneß erweckt den Eindruck, mit sich und seinem Team angemessen kritisch umzugehen.
Hoeneß hat noch eine Mission beim VfB
Was am Ende zählt, so banal das klingt, ist, dass Hoeneß den VfB erstaunlich erfolgreich gemacht hat. Ohne das wäre alles andere nichts wert. Er hat in seinem ersten Jahr seine Aufgabe mehr als erfüllt. Jetzt ist es ihm in einer schwierigen Phase gelungen, den VfB ins Pokalfinale zu führen. Der Titel wäre der vorläufige Höhepunkt seiner Amtszeit. Hoeneß würde in die Vereinsgeschichte eingehen - er wäre nach Georg Wurzer (1954 und 1958) und Joachim Löw (1997) der dritte Trainer, der den DFB-Pokal gewinnt. Seine Mission muss es sein, den VfB nachhaltig zu stabilisieren und ihm die Selbstverständlichkeit einzuhauchen, die ein ambitionierter Traditionsverein qua Definition auszustrahlen hat.
"Die Geschichte", so hat Hoeneß das jüngst selbst formuliert, als er seine Vertragsverlängerung bis 2028 bekanntgab, "ist noch nicht zu Ende". In Stuttgart, um nochmal auf den Anfang zu sprechen zu kommen, sind große Baustellen nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich ist allerdings, dass diese Baustellen fachgerecht und in absehbarer Zeit abgeschlossen sind. Sebastian Hoeneß ist das gelungen. Das Kürzel "VfB" durfte in den vergangenen beiden Jahren, das ist vor allem sein Verdienst, immer öfter mit "Verein für Begeisterung" übersetzt werden.
Sendung am Do., 3.4.2025 6:00 Uhr, SWR Aktuell am Morgen, SWR Aktuell