
Deutscher Rekordhalter Mit 242,5 km/h auf zwei Brettern - So tickt Speed-Skifahrer Marc Amann
Marc Amann ist Deutschlands schnellster Speed-Skifahrer. Sein Rekord liegt bei unglaublichen 242,5 km/h. Mit SWR Sport spricht der 31-jährige Schwabe über anfängliche Ängste, die Faszination seiner Sportart und Rauschzustände.
Selbst entwickelte Spoiler an den Waden, ein knallroter Latexanzug und ein UFO-förmiger Helm mit schmalem Visier - wenn sich Marc Amann direkt nach Sonnenaufgang auf 3.500 Meter im schweizerischen Saas-Fee in sein Renn-Outfit wirft, zieht er alle Blicke auf sich. Noch bevor der 31-Jährige seine Trainingsläufe zu Ende bringen kann, muss er Selfies schießen und die Fragen der vielen Neugierigen beantworten. "Ich bin Speed-Skifahrer", sagt Amann, während die "Normalo-Wintersportler" auf dem Berg seine 2,38 Meter langen Latten und die krummen Stöcke begutachten.
Vier Trainingsläufe macht Amann an diesem Morgen. Bei rund 140 km/h auf der noch freien Piste geht es um die richtige Position und Feintuning am Material. Herzklopfen bereiten ihm diese Geschwindkeiten schon lange nicht mehr. "Für richtig Adrenalin muss es schon über 220 km/h gehen", sagt er mit einem verschmitzten Lächeln. "Ich habe das Adrenalin schon sehr gerne. Ich würde mich jetzt nicht als Adrenalin-Junkie bezeichnen, aber es ist schon süchtig machend."
Marc Amann und die Faszination Speed-Skiing
Seine Höchstgeschwindigkeit liegt bei 242,5 km/h. Die schafft der in der Schweiz lebende Schwabe aus Oberndorf bei Tübingen bei der Speed-Ski WM 2023 im französischen Vars - deutscher Rekord! Den Weltrekord hält der Franzose Simon Billy mit 255,5 km/h. Den irgendwann zu knacken, ist das große Ziel von Marc Amann.
Dafür trainiert der 31-Jährige hart, geht fast täglich zum Sport. "Ich versuche, sehr viel Gewicht, also Muskelmasse, aufzubauen", erklärt Amann, "man weiß ja, dass Gewicht nach unten zieht und deswegen bin ich sehr viel im Fitness." Es gehe aber auch darum, Verletzungen vorzubeugen. "Wenn ein Schlag kommt oder der Ski weggeht, ist man auf solche Momente mit der entsprechenden Fitness einfach besser vorbereitet."
Neben der körperlichen spielt auch die mentale Stärke eine enorm wichtige Rolle. "Man konzentriert sich komplett auf sich alleine und den Lauf", sagt Amann, "welche Linie muss ich fahren, um trotz möglicher Unebenheiten und Windstößen sicher unten anzukommen?" Denn beim Speed-Skifahren gehe es um mehr, als nur geradeaus den Berg hinunter zu fahren. "Du musst die richtige Position halten. Da ist ein voller Fokus da und das ist es auch, was den Sport ausmacht. Dass man so eine Konzentration hat, dass man in einen Rausch kommt."
Da ist ein voller Fokus da und das ist es auch, was den Sport ausmacht. Dass man so eine Konzentration hat, dass man in einen Rausch kommt Speed-Skifahrer Marc Amann
Saas-Fee: Die neue Heimat von Marc Amann
Die perfekten Bedingungen für sein Training findet Amann in Saas-Fee. Vor knapp zehn Jahren zieht es den Ski-Verrückten in den Kanton Wallis - eigentlich nur für einen Winter, um sein Geld als Skilehrer zu verdienen. "Mittlerweile ist das aber meine neue Heimat geworden", sagt Amann über den Wintersportort in den Schweizer Alpen. Für ihn sei es der perfekte Ort, denn vom Speed-Skifahren leben kann der 31-Jährige nicht. "Das Schöne ist, dass ich hier das Skifahren mit der Arbeit kombinieren kann", erklärt Deutschlands Rekordhalter, der neben seinem zeitintensiven Hobby als Fotograf und Social-Media-Creator arbeitet und schon Stars wie Mikaela Shiffrin vor der Kamera hatte.
Als Jugendlicher zum ersten Mal auf einer Speed-Ski-Strecke
Angefangen mit dem Skifahren hat Marc schon als kleiner Junge. Familienurlaub bei den Amanns - immer im Schnee. Als Jugendlicher wagt er sich zusammen mit Vater Reinhard dann zum ersten Mal auf eine Speed-Ski-Strecke. "Die Skier haben so geflattert. Das war schon ein Respekt-Moment", erinnert er sich, "aber es war auch ein Gefühl, da hat das Herz geschlagen und das ist das Gefühl, was Speedskiing auch ausmacht."
Zwei Jahre später stirbt sein Vater überraschend an einem Herzinfarkt. Marc macht alleine weiter. "Ich glaube, er hilft mir dabei, so schnell zu fahren und auch die Sicherheit dabei zu haben", sagt Amann, "ich hab auch immer das Gefühl, er fährt mit und das gibt auch nochmal Vertrauen."
Vertrauen und Rückhalt bekommt Marc Amann auch vom Rest seiner Familie. "Ich habe großen Respekt vor dem, was er macht, und bin unglaublich stolz", sagt Mutter Susanne, "ich finde das einfach besonders, wenn ich sagen kann: 'Jugend-Weltmeister' und 'der hat den deutschen Rekord'."
WM in Vars auf der "schönsten" und schnellsten Strecke der Welt
Den Rekord will Amann bei der Weltmeisterschaft im März 2025 knacken. Die findet erneut in Vars auf der Weltrekord-Strecke statt. "Man hat ein Gefälle von 98 Prozent, das sind fast 45 Grad und das über eine Länge von 700 Metern, wo man Geschwindigkeit holt und dann 100 Meter, wo die Zeitmessung ist", beschreibt er die Piste in den französischen Alpen, "eine, wenn nicht die schönste Strecke, die es momentan gibt fürs Speed-Skifahren."
Aber: Neuschnee in der Vorwoche und milde Temperaturen verhindern einen Start von ganz oben. Ein neuer Rekord ist deshalb nicht möglich. 222,7 km/h fährt Amann im Finale und wird Elfter. "Ich bin schon enttäuscht. Enttäuscht, weil wir nicht von dort gestartet sind, wo ich es mir erhofft habe, und enttäuscht, weil es nicht so funktioniert hat wie im Januar, wo ich regelmäßig Läufe in den Top Drei hatte", sagt er direkt nach dem Finallauf. "Aber jetzt habe ich gesehen: Es funktioniert nicht bei so weichem Schnee. Das heißt, dass ich daran arbeiten muss. Ich habe Erkenntnisse gewonnen und hoffe, dass ich mit denen gut umgehen kann, dass ich nächste Saison schneller bin."
Dann entscheidet sich auch, ob Speed-Skifahren 2030 olympisch wird und Marc Amann auf der schnellsten Strecke der Welt um Gold, Silber und Bronze mitfahren kann. Den vielen neugierigen Blicken dürfte er sich in seinem knallroten Latexanzug auch dann wieder sicher sein.