Ann-Katrin Berger

DFB-Frauen Als Nummer eins zur EM: Torhüterin Berger gesetzt und geschätzt

Stand: 04.04.2025 08:12 Uhr

Mit Ann-Katrin Berger im Tor gehen die deutschen Fußballerinnen im Sommer in die Europameisterschaft. Die Göppingerin ist gesetzt und wird geschätzt – auf und neben dem Platz.

Nein, Ann-Katrin Berger ist keine Frau der großen Worte. Wer auf ihrem Instagram-Profil nach Selfie-Videos, aktuellen, privaten Einblicken oder vorgedrehten Werbe-Stories sucht, der wird eher nicht fündig. Berger spricht nur selten über sich. Ganz anders ist das, wenn ihr etwas wichtig ist. Auf dem Platz nutzt die Torhüterin ihre Stimme, sie setzt sich ein gegen Hass-Kommentare im Netz – und teilte auch ihre erneute Krebs-Diagnose 2022 via Instagram mit den Fans. Berger ist Vorbild und genießt Vertrauen, sie ist Rückhalt und für die EM der Fußballerinnen im Sommer von Bundestrainer Christian Wück schon jetzt zur Nummer eins gemacht worden.

Berger als Vorbild

Denn während es im Nationalteam der Fußballerinnen dieser Tage bisweilen viele Fragen gibt, ist Berger die klare Antwort im Tor. "Wir brauchen bei der Europameisterschaft eine starke Torhüterin und Anne verkörpert das", sagt Wück und scheint mit dieser Entscheidung pro Berger, die Trainer und Team nur Anne nennen, ein Ausrufezeichen setzen zu wollen – hinter der Torhüterin, die für ihn im sonst so wackeligen Teamkonstrukt wenige Monate vor der EM in der Schweiz so wichtig ist.

"Anne hat einfach die Erfahrung, die man als Torhüterin braucht", sagt Wück. Und diese Erfahrung strahlt sie auch aus: "Ihre Art auf dem Feld ist unheimlich wertvoll für die Spielerinnen vor ihr. Die Art hilft vielen auf dem Platz." Berger gibt Sicherheit, strahlt Ruhe aus – mit einer Selbstverständlichkeit, die nicht einmal die ganz aufgeregten Fans nervös macht.

Olympia-Heldin erst Stürmerin

"Sie hat bewiesen, dass sie auch unter Druck – wie bei Olympia – sehr gute Leistungen zeigen kann", erinnert Wück an Bergers Glanztaten im vergangenen Sommer. Vom damaligen Coach Horst Hrubesch geschätzt und bei den Sommerspielen gesetzt, war Berger erst Olympia-Heldin, ganz sicher aber einer der Faktoren für die Bronze-Medaille des deutschen Teams und später Deutschlands Fußballerin des Jahres 2024. "Und das erwarten wir von ihr auch", sagt Wück.

Torhüterin Berger sichert den deutschen Fußballerinnen Olympia-Bronze 2024

Fußball ist für Berger mehr als ein Job. Die Liebe zum Sport hat die Göppingerin von ihrem Vater. Als Kind hat sie ihn auf dem Platz gesehen und ist auf den Platz gerannt, obwohl die Partie noch nicht abgepfiffen war. Von da an war die Leidenschaft für das Spiel geweckt. Erst war Berger Stürmerin, weil sie unbedingt Tore schießen wollte.

Von der Provinz zum Profi

Ihr Team, der FV Vorwärts Faurndau, gewann jedes Spiel so hoch, dass es der eigenen Torhüterin, die nichts zu tun hatte, zu langweilig wurde. Also stellte sich Berger zwischen die Pfosten, erst gelegentlich, dann fand sie Gefallen daran. "Ich habe Fußball geliebt, wurde aber ziemlich lauffaul. Und das war die beste Position", sagt sie.

Bergers Werdegang, von der schwäbischen Provinz zur Weltklassetorhüterin und Nationalspielerin, ist ungewöhnlich. Sie hat nicht wie die meisten anderen die Jugendnationalteams durchlaufen. Ihr erstes Länderspiel machte sie in der U19, 45 Minuten gegen Australien. Bis zu ihrem zweiten, dieses Mal für die A-Nationalmannschaft, dauerte es elf Jahre. Am 1. Dezember 2020 debütierte sie beim 3:1 gegen Irland – mit 30 Jahren. "Sie ist ein spannender, in sich ruhender Typ und strahlt das auch im Tor aus", sagte die ehemalige Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg damals über sie.

Aus der Bundesliga zu PSG

Von Faurndau, wo sie zur Torhüterin wurde, wechselte sie nach Sindelfingen und von dort zu Turbine Potsdam. Sie gewann die Deutsche Meisterschaft, verließ die Bundesliga aber mit 23 Jahren in Richtung Paris. "Die deutsche Liga war für mich einfach sehr zweikampfstark und von Fitness geprägt. Das war der Kern der Bundesliga. Und ich wollte einfach was anderes erleben", sagt sie rückblickend über ihre Entscheidung.

Bei Paris St. Germain lernte sie, als Torhüterin mitzuspielen. "Da haben wir die ganze Zeit Passübungen gemacht, Abschläge gemacht. Also, da haben wir uns mehr auf unseren Spielaufbau konzentriert als auf unseren Hauptjob: die Bälle zu fangen." Dort saß sie viel auf der Bank. 2016 wechselte sie zu Birmingham City nach England, wo sie Stammkeeperin wurde.

Berger über ihren Vater: "Wegen ihm bin ich die, die ich jetzt bin"

Doch Bergers sportlicher Erfolg rückte in den Hintergrund: 2016 starb ihr Vater. Für Berger war er Bezugsperson, ein Anker. "Wegen ihm bin ich die, die ich jetzt bin", sagt sie. Im November 2017 dann der nächste Schock: die Diagnose Schilddrüsenkrebs. "Es war in meinem Körper einfach so ein richtiges Sacken. Als ob ich in mich selbst gerade reingefallen bin", beschreibt sie den Moment, als sie die Diagnose erfuhr. Berger stellt ihrem Arzt zwei Fragen: "Werde ich sterben?" Und: "Wann kann ich wieder Fußball spielen?"

Die OP zwei Wochen später dauerte fünfeinhalb Stunden. Ihre erste Operation überhaupt. Es folgte eine Radiojodtherapie. Dabei bekam Berger winzige Mengen radioaktives Jod. Das Ziel: die Krebszellen zu zerstören. "Das war einfach kein schönes Gefühl. Das ging mir auf die Psyche. Aber ich bin stärker rausgekommen", sagt sie später über ihren Kampf gegen den Krebs.

Kampf gegen den Krebs und um ihren Traum

Schon während der Therapie hat sie wieder mit Übungen begonnen. Im Februar, vier Monate nach der Diagnose, gab sie ihr Comeback. Seitdem spielt sie ihren besten Fußball, wechselte ein Jahr später zum Chelsea FC. "Fußball war für mich irgendwann Alltagstrott. Und durch die Krankheit habe ich gemerkt: Das kann ganz, ganz schnell vorbeigehen. Das war ein Weckruf."

Berger wollte sich all das nicht nehmen lassen. "Ich habe so viel verloren an Zeit, die ich mit anderen Leuten hätte verbringen können. Vielleicht hätte ich mehr Zeit mit meinem Vater gehabt." Das alles sollte nicht umsonst gewesen sein. "Und da kam halt auch mein Sturkopf komplett durch. Niemand kann mir sagen, wann ich mit Fußball aufhöre. Ich möchte das selbst entscheiden und so wird das auch passieren."

US-Club und EM mit dem deutschen Team

Berger stemmte sich 2022 ein zweites Mal gegen den Krebs. Und ist wieder zurückgekommen auf den Platz, spielt selbstbestimmt noch immer Fußball, inzwischen beim US-Club Gotham FC. In der NWSL war die 34-Jährige im vergangenen Jahr Torhüterin des Jahres. Dazu gibt es ein Video auf ihrem Instagram-Kanal, das die Torhüterin zeigt, als sie von der Ehrung erfährt. Verlegen und vielleicht auch ein bisschen sprachlos. Zu sagen hat Ann-Katrin Berger trotzdem viel – und sei es, als Nummer eins der deutschen Nationalmannschaft.