Deyovaisio Zeefuik gibt stets alles für Hertha BSC. (Foto: IMAGO / Contrast)

Vom Transferflop zum Sympathieträger Hertha und Zeefuik - aus einem Missverständnis wurde Liebe

Stand: 03.04.2025 21:51 Uhr

Deyovaisio Zeefuik galt bei Hertha BSC lange als Flop, doch der Abstieg des Vereins wurde zu seinem großen Aufstieg. Mittlerweile ist er Sympathieträger und Publikumsliebling - weil er auf dem Feld zwischen Genie und Wahnsinn pendelt.

Von Marc Schwitzky

Eigentlich sollte das Kapitel schon längst beendet sein. Sogar mehrmals. Es gibt wohl keinen Spieler im Kader von Fußball-Zweitligist Hertha BSC, der so oft abgeschrieben wurde wie Deyovaisio Zeefuik. Der Niederländer, der 2020 vom FC Groningen nach Berlin wechselte, galt jahrelang als ein Transferflop. Ein Überbleibsel der Windhorst-Ära, ein Gesicht des gescheiterten Big-City-Club-Projekts. Wie so viele Spieler dieser Zeit sollte der Außenverteidiger, der zwischenzeitlich sogar zweimal verliehen wurde, eigentlich nur noch eins: weg.

Spätestens nach dem Erstliga-Abstieg der Blau-Weißen im Sommer 2023 sollte eigentlich Schluss sein. Hertha trennte sich in jenen Wochen von so vielen Altlasten der "fetten Jahre" wie Dodi Lukebakio, Lucas Tousart oder Krzysztof Piatek. Zeefuik sollte nicht folgen. Die Angebote für ihn blieben aus und der heute 27-Jährige nahm ohne öffentliches Murren wieder am Mannschaftstraining teil.

Das Schlüsselspiel in Düsseldorf

Der 29. Juli 2023 – das erste Spiel der neuen Saison für Hertha. Die Berliner gastieren bei Fortuna Düsseldorf, die erste Zweitliga-Begegnung kommt sichtlich zu früh für den noch völlig unfertigen Kader. Gleich mehrere Spieler, die den Verein eigentlich noch verlassen, müssen nun aber helfen, den Auftakt erfolgreich zu starten. Notgedrungen setzt Trainer Pal Dardai auf Zeefuik als Rechtsverteidiger, der Ungar hatte stets ein gutes Verhältnis zu ihm.

Die 86. Minute läuft, Hertha liegt mit 0:1 hinten, muss in den letzten Momenten des Spiels alles nach vorne werfen. Das ermöglicht Konter für Düsseldorf. F95-Angreifer Jona Niemiec ist alleine auf dem Weg zum Hertha-Tor, doch bevor er dort ankommt, schmeißt sich Zeefuik leidenschaftlich in den Ball und verhindert das 0:2 – trotz einer bereits zugezogenen Oberschenkel-Verletzung, die ihn vier Spiele ausfallen lassen sollte, hatte er den Lauf über das halbe Spielfeld noch angezogen.

Herthas Deyovaisio Zeefuik (r.) verwickelt Düsseldorfs Jona Niemiec in einem Zweikampf. (Foto: IMAGO / Uwe Kraft)

Herthas Deyovaisio Zeefuik (r.) verwickelt Düsseldorfs Jona Niemiec in einem Zweikampf. (Foto: IMAGO / Uwe Kraft)

Es ist ein Sprint in die Herzen der Hertha-Fans. Plötzlich war Zeefuik nicht mehr der aus Erstligazeiten verbliebene Ballast, sondern jemand, der sich für die "alte Dame" aufopferte, als wäre er seit Jahren integraler Bestandteil des Teams.

"Ich weiß, dass ich mich auf Deyo immer verlassen kann. Er ist ein Teamplayer, der da ist, wenn man ihn braucht", lobte Dardai den Niederländer in jener Zeit. 2023/24 sollte Zeefuik zu einem wichtigen, vielseitig einsetzbaren Rotationsspieler werden. Er kam auf 18 Einsätze, 16 von Beginn an – ob hinten links, rechts oder als defensiver Mittelfeldspieler.

Fans starteten eine Online-Petition für Zeefuiks Verbleib

Zeefuik und Hertha wuchsen in der vergangenen Saison wieder zusammen. Aus einem Missverständnis wurde Liebe. Und Liebe ist (manchmal) wichtiger als Geld. Also verlängerte der Abwehrspieler seinen auslaufenden Vertrag im Sommer 2024 nochmal um ein Jahr, jedoch zu deutlich geringeren Bezügen.

Die Entscheidung zu bleiben, war auch maßgeblich von den Hertha-Fans beeinflusst. Sie haben ihren "Deyo" fest ins Herz geschlossen und die Kommentarspalten der Social-Media-Kanäle von Verein und Spieler mit Verlängerungswünschen geflutet. Sie starteten damals sogar eine Online-Petition für seinen Verbleib. "Ich habe all ihre Kommentare gelesen, in denen sie mich gebeten haben, zu bleiben. Sie haben mir damit ein gutes Gefühl gegeben, mich sehr stolz gemacht", erklärte Zeefuik nach seiner erneuten Unterschrift in Berlin.

"Solange er atmet, gibt er dir 150 Prozent"

Doch warum hat Zeefuik solch einen speziellen Stand bei den Fans? Weil er ein spezieller Spieler ist. Ein defensiver Instinktfußballer, ein freies Radikal in der Abwehr. Ein Spieler, der sich und den Gegner nie schont, immer intensiv spielt, "Halbgas" gar nicht kennt. Eine Naturgewalt aus Körperlichkeit und Wille – ein Straßenkicker, dem Ruhe und Eleganz nahezu gänzlich abgehen, der aber eine brachiale Wucht um Emotionalität ausstrahlt. Und der so mit einem Tackling oder Sprint ein ganzes Stadion mitreißen kann – wie im Juli 2023 gegen Düsseldorf. Ein Stil zum Verlieben - und Verzweifeln.

"Deyo ist ein Vorbild an Mentalität und Leidenschaft. Er steckt an. Solange er atmet, gibt er dir 150 Prozent. Diese Gier, Zweikämpfe zu gewinnen, macht ihn aus. Als Gegenspieler spielst du lieber gegen andere als gegen ihn", sagte Ex-Trainer Cristian Fiél über den defensiven Flügelspieler. Vorgänger Dardai führte aus: "Er kämpft auf jeder Position wie ein Löwe. Manchmal muss man ihn schon etwas bremsen."

Genie und Wahnsinn

Zeefuik ist ein Spieler, der einen Fußballfan nicht kalt lassen kann. Entweder, weil er völlig kopflos agiert oder aber die perfekte Grätsche im Vollsprint auspackt. Manchmal rennt er wie ein kleines Kind dem Ball ohne Regeln hinterher, im Zweikampf kracht es mit ihm grundsätzlich immer. Ein Profil, dass es im so angepassten Profifußball kaum noch gibt – eben weil jemand wie Zeefuik kaum berechenbar ist. An einem Tag liefert er ein herausragendes Spiel ab, in welchem er seine Defensivseite souverän verdichtet. An dem anderen sieht er innerhalb von vier Minuten erst die gelbe und dann die gelb-rote Karte – so geschehen im Oktober 2020 gegen RB Leipzig.

Genie und Wahnsinn sind bei Zeefuik dicht beieinander und können sich innerhalb von Sekundenbruchteilen abwechseln. Erst in der vorangegangenen Spielzeit unter Pal Dardai lernte er, etwas mehr Ruhe und Achtsamkeit in sein Spiel einfließen zu lassen. Doch selbst heute noch können mit Zeefuik die Pferde durchgehen. Im Dezember 2024 flog er im Pokal-Achtelfinale nach 25. Minuten mit Rot vom Platz, nachdem er Kölns Timo Hübers einen Kopfstoß verpasst hatte.

Seine Mannschaftskollegen nahmen es ihm nicht lange übel, Zeefuik ist auch unter den Spielern einer der Lieblinge. Der gebürtige Amsterdamer hat abseits des Platzes stets ein sympathisches Lächeln auf den Lippen, zeigt viel Humor und nimmt junge Teammitglieder unter seine Fittiche.

Deyovaisio Zeefuik sieht nach einem Kopfstoß gegen einen Kölner Gegenspieler die rote Karte. (Foto: IMAGO / Ulrich Hufnagel)

Deyovaisio Zeefuik sieht nach einem Kopfstoß gegen einen Kölner Gegenspieler die rote Karte. (Foto: IMAGO / Ulrich Hufnagel)

Auch in der laufenden Saison gesetzt

Ob Dardai, Fiél oder nun Stefan Leitl – Zeefuik hat sich unter jedem Trainer in der 2. Liga durchgesetzt. In der laufenden Spielzeit absolvierte er 26 von möglichen 27 Partien, gleich 24 von Beginn an – allerdings nur ein einziges Mal auf seiner gelernten Position als Rechtsverteidiger. Zeefuik spielte sich mangels Alternativen auf der linken Abwehrseite fest, trotz seines starken rechten Fußes.

Seine starke Arbeit gegen den Ball machen ihn nahezu unverzichtbar. Er gewinnt die siebtmeisten Zweikämpfe aller Zweitligaspieler, bei den abgefangenen Bällen steht er auf Platz 23, bei den gewonnen Kopfballduellen trotz seiner 1,78 Meter Körpergröße auf Rang zehn. Seine enorme Sprungkraft aber auch seine Top-Geschwindigkeit von 35,97 km/h (Platz sieben in der Liga) machen Zeefuik zu einem Ausnahmeathleten dieses Wettbewerbs. Ob Luft-, Sprint- oder direktes Duell – er entscheidet die allermeisten für sich. Ein Faustpfand, das kein Trainer missen will.

Problematisch wird es jedoch mit dem Ball. Zeefuik ist technisch limitiert, auch wenn sich seine Pass-Statistiken in den letzten zwei Jahren deutlich gebessert haben. Auch dadurch, dass er etwas undankbar auf der "falschen" Seite spielt, ist er äußerst pressinganfällig, kann sich spielerisch kaum aus Drucksituation lösen. Regelmäßig produziert Zeefuik folgenschwere technische Fehler, die in Ballverlusten und schlimmsten Fall Gegentoren münden. Oder aber er muss aufgrund fehlender Lösungen mit dem Ball wieder abdrehen und so das Spieltempo seiner Mannschaft schmerzlich verlangsamen.

Zwar gelingen Zeefuik auch immer wieder überraschend gute Schnittstellenpässe, doch insgesamt fehlen ihm strategisches und technisches Können, um hier einen klaren Mehrwert für seine Mannschaft zu liefern.

Unklare Zukunft

Insgesamt dürften die Berliner Verantwortlichen ihrem Verteidiger auch in der laufenden Saison ein positives Zeugnis ausstellen. Zeefuik gehört in den Defensivwerten zu den besten Spielern der 2. Bundesliga, hat sich mit Ball – wenn auch auf niedrigem Niveau – durchaus stabilisiert und überzeugt zudem als vielseitig einsetzbarer Lückenfüller. Hertha dürfte an einem Verbleib des Abwehr-Allrounders interessiert sein, doch dessen Vertrag läuft am Saisonende aus.

Sollte Zeefuik seinen Vertrag erneut verlängern, werden die Hertha-Fans wieder jubeln. Und sollte das Kapitel nun doch enden, hat er seine Geschichte beim Hauptstadtklub in den letzten zwei Jahren gehörig umgeschrieben.