
Hartes Doping-Urteil nach zwei Freisprüchen CAS sperrt Gewichtheberin Schlittig für vier Jahre
Fast vier Jahre nach ihrer positiven Dopingprobe wird Vicky Schlittig lange gesperrt, obwohl Hinweise auf ihre Unschuld vorliegen. Bevorzugt der Internationale Sport-Gerichtshof Promi-Sportler?
Eigentlich müsste Vicky Schlittig niedergeschlagen klingen. Als Sportlerin hat die sächsische Gewichtheberin am vergangenen Mittwochabend, wenige Wochen vor ihrem 22. Geburtstag, die schwerste Niederlage ihrer Karriere zugefügt bekommen. Der Internationale Sportgerichtshof (CAS) sperrte Schlittig in letzter sportrechtlicher Instanz wegen Dopings für vier Jahre. Schuldig. Höchststrafe. Der Traum von Olympia – für sie für immer vorüber. Die Härte des Urteils, das in erster Linie die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) erstritten hat, hebt sich bemerkenswert ab von dem zuletzt vor allem in prominenten Fällen gezeigten Kurs der Nachsichtigkeit, den die schwer umstrittene WADA an den Tag gelegt hat.
Mit dem Tennis-Weltranglistenersten Jannik Sinner einigte sie sich in einem Vergleich auf eine Mini-Sperre nach gleich mehreren positiven Dopingproben, die auch noch so günstig terminiert wurde, dass der schwerreiche berühmte Profi nicht ein wichtiges Turnier verpasst. Und im Fall von fast zwei Dutzend positiv getesteten Schwimmerinnen und Schwimmern aus China wich die WADA einem Konflikt mit der mächtigen Nation aus, indem sie ohne große Prüfung oder Untersuchungen vor Ort einer Erklärung chinesischer Ermittler folgte: Die fanden keine Ursache, plädierten auf Kontamination und sprachen alle Athleten frei.
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"Da hat man schon den Eindruck, dass mit zweierlei Maß gemessen wird", sagt Schlittig, "wenn erfolgreiche, berühmte oder reiche Sportler so schnell und leicht davonkommen."
"Pure psychische Folter"
Schlittig, die aus der sächsischen Kleinstadt Gröditz stammt, hat immer bestritten, gedopt zu haben. Und auch wenn sie ihren Gemütszustand nun mit einem eideutigen, umgangssprachlichen Terminus („Scheiße“) beschreibt, wirkt sie wie befreit. In fast vier Jahren Verfahrensdauer scheint sie gereift zu sein, gelichwohl desillusioniert von Sportverbänden, entsetzt über die Sportjustiz.
"Das Urteil ist eine Katastrophe, aber irgendwie fällt eine Last weg. Über drei Jahre bin ich morgens aufgewacht und habe Angst gehabt, was kommt", sagt Schlittig: "Immer Ungewissheit – das ist pure psychische Folter."
30.000 Euro ausgegeben
Schlittig betreibt für ihre körperliche Fitness nur noch nicht-professionellen Kraft-Dreikampf. Und im Mai wird sie in Görlitz ihre Ausbildung zur Fitness-Kauffrau abschließen. Vom Gewichtheben hat sich Schlittig längst freiwillig verabschiedet – auch weil sie mit Hilfe ihrer Eltern inzwischen etwa 30.000 Euro in den Kampf um ihre Unschuld investiert habe, sagt sie: "Als ich das Urteil gesehen habe, war ich erstmal sprachlos, ich konnte es gar nicht fassen. Mit mir wurde gespielt.“
Die letztlich positive Dopingprobe wurde bei Schlittig im Alter von 18 Jahren im Rahmen der Junioren-Europameisterschaften in Rovaniemi Ende September 2021 genommen. Das Kölner Dopinglabor entdeckte bei der Analyse das Steroid Oral-Turinabol, einen Dopingklassiker aus DDR-Zeiten, chemisch Dehydrochlormethyltestosteron. Es schien wie ein weiterer Fall im dopingverseuchten Gewichtheben, alles glasklar.
Parallelen zu Experiment der ARD-Dopingredaktion
Doch die Experten entdeckten Ungereimtheiten. Eine relativ geringe Konzentration, ein ungewöhnliches Muster an Abbaustoffen des Produktes, negative Dopingtests relativ kurz vor und nach der Probe, obwohl die Substanz nur die Muskeln wachsen lässt, wenn sie über einen gewissen Zeitraum genommen wird. Fachleute machten Parallelen zu einem Experiment der ARD-Dopingredaktion aus, beschrieben in der Doku „Geheimsache Doping: Schuldig“ – die unwissentliche Kontamination mit Steroiden über die Haut schon bei flüchtigem Kontakt, etwa einem Handschlag, entweder aus Versehen oder gar zur Sabotage.
Zwei Freisprüche
Und tatsächlich folgten gleich zwei Gerichte unabhängig voneinander den Erkenntnissen: Das Amtsgericht Chemnitz sprach Schlittig in der strafrechtlichen Instanz vom Vorwurf des Verstoßes gegen das Anti-Doping-Gesetzes frei. Allerdings hätte hier das Gericht, anders als im Sport, der Athletin die Schuld nachweisen müssen. Nur im Sport gilt die Beweislastumkehr. Doch auch hier folgte im August 2023 in der ersten Instanz des CAS der Einzelrichter dem Beispiel: Schlittig treffe „keine Schuld oder Fahrlässigkeit für den Dopingregelverstoß“.
Dass anschließend die für den Gewichtheber-Weltverband tätige Internationale Test-Agentur und die Welt-Anti-Doping-Agentur, so scheint es, alles daransetzten, die vergleichsweise unbedeutende Athletin Schlittig aus dem schlecht beleumundeten Gewichtheben mit der größten Härte des Sportrechts doch noch aus dem Verkehr zu ziehen, hat, wie Kritiker anmerken, womöglich gar nichts mit dem Fall selbst zu tun.
Umkehr der Beweislast
Der Sport wendet ein für den Anti-Doping-Kampf hilfreiches Prinzip an, das nur vor den wenigsten Strafgerichten der Welt standhalten würde: die sogenannte strict liability. Es beschreibt die Beweislastumkehr im Sport: Nach einer positiven Dopingprobe muss der Athlet glaubhaft seine Unschuld beweisen. Vernünftig womöglich bei notorischen Dopern. Aber wie soll ein unschuldiger Athlet beweisen, wie eine verbotene Substanz in seinen Körper gelangt ist, die nach Unachtsamkeit oder durch fremdes Verschulden bei ihm nachgewiesen wurde, ohne dass er überhaupt von der Existenz der Substanz in seinem Körper wusste?
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Dieses Prinzip verteidigt der Sport und seine juristischen Instanzen bis aufs Letzte. Ohne diesen Grundsatz könnten in vielen Fällen Doper nicht belangt werden, mit ihm drohen aber auch Unschuldige aus dem Verkehr gezogen zu werden. Im neuen CAS-Urteil steht zusammengefasst, wie die Schlittig-Seite das argumentativ vorgetragen hat: Es gehe "der WADA nicht um Gerechtigkeit, sondern darum, die angeblich mangelhaften und uneinheitlichen Vorschriften der WADA zu schützen".
Minimum an rechtlicher Würdigung
Schon die Formalien der CAS-Entscheidung sind auffällig: Insgesamt ist im Verfahren CAS 2023/M9966 das Urteil 32 Din-A4-Seiten lang, aber für den wichtigsten Teil, die Begründung, haben die drei Schiedsrichter nicht einmal vier Seiten gebraucht. Der Rest sind Zusammenfassungen, Fakten, Kostenerklärungen. Für das Minimum an rechtlicher Würdigung aber hat das Gremium mehrmals Fristen zur Verkündung verstreichen lassen und sich insgesamt neun Monate Zeit genommen.
Dabei hatte nicht zuletzt der scheidende Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, Thomas Bach, zuvor zwei Jahrzehnte mächtiger Mann in der CAS-Hierarchie, stets staatliche Ansinnen, den Anti-Doping-Kampf auch vor Strafgerichte zu bringen, mit dem Argument bekämpft, Sportgerichtsbarkeiten urteilten viel schneller. "Mit rechtstaatlichen Grundsätzen hat die Arbeit des CAS kaum etwas tun, und unabhängig ist er auch nicht", sagt Schlittigs Berliner Anwalt Steffen Lask: "Der Athlet hat da keinen Fürsprecher."