
NDR-Sport Der HSV auf Mallorca - Weniger Druck, mehr Gelassenheit fürs Aufstiegsfinale
Drei Trainingseinheiten hatte der HSV bei seinem viertägigen Mini-Trainingslager in der Nähe von Palma. Das ist genau der Arbeitsaufwand, den Merlin Polzin seinen Spielern auch in Hamburg verordnet hätte. Der Coach hatte sich entschieden, vor dem Endspurt im Aufstiegskampf nach Mallorca zu fliegen - die Atmosphäre vor Ort hat diese Maßnahme zumindest gerechtfertigt.
Lachend warten die HSV-Profis an ihrem Mannschaftsbus. Entspannt schlendern sie auf den Trainingsrasen und nach verrichteter Arbeit wieder herunter. Konzentriert trainieren sie - es kracht auch manchmal auf dem Rasen, es wird geschimpft und gelobt. Der äußere Eindruck, den das Team von Trainer Polzin auf der Ferieninsel vermittelt, ist genau der, den sich Polzin vorgestellt hatte.
Die Sinne schärfen, fokussieren, aufs Inhaltliche Wert legen. Wenige Floskeln wurden ausgelassen, um den Kurztrip nach "Malle" im Vorwege zu erklären. Am Ende braucht es wahrscheinlich keinen abgeschlossenen Master-Studiengang in Psychologie, um zu erklären, was das alles sollte.
Fokus aufs Wesentliche in der Schlussphase
Einen kleinen Einblick hat Polzin bei seinem kurzen Interview gegeben, das er am Rande des Trainingszentrums "Antonio Asensio" vom RCD Mallorca gegeben hat. Er habe ja nun als Co-Trainer beim HSV einige Saison-Schlussphasen erlebt, sagte Polzin. Und daraus habe er den Schritt abgeleitet, dass so ein Trainingscamp jetzt notwendig war.
Polzins Analyse: Der HSV hat sich durch den Aufstiegsdruck, der Jahr für Jahr herrschte, nicht mehr auf das Wesentliche konzentriert. Es ging immer nur um dieses oder jenes Ergebnis im Kampf um die Rückkehr in die Bundesliga - und dabei hat der HSV aus den Augen verloren, was eigentlich notwendig ist, um die Ergebnisse zu erreichen.
Er wolle deshalb inhaltlich arbeiten auf Mallorca, so Polzin. Also: die Mannschaft auf ihre Handlungen fokussieren, und nicht auf das Ergebnis dieser Handlungen. Oder anders: Den ersten Schritt vor dem zweiten gehen, darum ging es seit Sonntag auf Mallorca.
Meffert bricht sich das Nasenbein
Sieben Spiele sind es noch in dieser Zweitliga-Saison. Es ist die Phase, in der der HSV seit dem Bundesliga-Aufstieg 2018 allzu oft hinter den (eigenen) Erwartungen geblieben ist. Diesmal soll es anders werden, und Polzin will sich sicher nicht vorwerfen lassen, nicht alles versucht zu haben. Nach dem Heimflug nach Hamburg kehrt das Team gleich wieder zu seinem gewohnten Rhythmus zurück - die Vorbereitung auf das Auswärtsspiel am Sonnabend (13 Uhr, im NDR Livecenter) in Nürnberg steht an.
Nicht mit dabei sein wird voraussichtlich Jonas Meffert. Der Mittelfeldspieler hat sich in Palma nach einem Zusammenstoß mit Emir Sahiti das Nasenbein gebrochen. Polzin muss diesen (wahrscheinlichen) Ausfall kompensieren. Genauso, wie er den Ausfall von Denis Hadzikadunic kompensieren muss. Es ist die Personal-Geschichte dieser Woche, dass Kapitän und Edel-Reservist Sebastian Schonlau an dessen Stelle nun vor seinem Startelf-Comeback steht.
Schonlau vor dem Startelf-Comeback
Für Schonlau, der nach schwächeren Leistungen auf die Bank gerückt ist, endet damit eine ganz ungewohnte Situation. Er war in den vergangenen Jahren - und auch immer seit 2021, als er zum HSV gekommen ist - Stammspieler. Zuletzt in Hamburg nicht mehr. Zugleich sah er sich harter, auf Social Media gelegentlich überharter Kritik ausgesetzt. Nun ist Schonlau auf dem Rasen wieder gefordert, und die Antwort auf die logische Frage wird spannend sein: Schüttelt Schonlau in der "neuen" HSV-Atmosphäre diese Kritik ab und wird Teil des HSV, der den Aufstieg schafft?
Die Verantwortlichen des HSV waren mit dabei auf Mallorca. Sportvorstand Stefan Kuntz, das liegt auf der Hand. Auch Sportdirektor Claus Costa sowie Finanzchef Eric Huwer waren vor Ort. Die Botschaft: Die Führung unterstützt die Fußballer - wir sind ein Team.
Und auch dies: Als Meffert zu medizinischen Untersuchungen vorzeitig nach Hamburg zurückgeflogen wurde, hat Polzin darauf gedrängt, schnell zwei Nachwuchsspieler nach Mallorca einfliegen zu lassen. Für eine einzige Trainingseinheit am Mittwoch! Polzin wollte ein aussagekräftiges Elf-gegen-Elf-Trainingsspiel durchführen. Und auch hier das Signal: Wir, der HSV, tun alles, um uns so professionell wie möglich auf den Endspurt der Saison einzustimmen.
Die Aufstiegschancen stehen so gut wie nie
Noch nie standen die Chancen besser seit 2018, dass die Rückkehr in die Bundesliga wirklich gelingt. Der HSV präsentiert sich stabil, ist die bislang beste Mannschaft der Rückrunde. Das Top-Stürmer-Trio Selke/Glatzel/Königsdörffer ist ein echtes Pfund. Aber natürlich wird es bis zum 34. Spieltag am 18. Mai auch darauf ankommen, die Nerven zu behalten. Vielleicht wird das sogar entscheidend sein.
Auf Mallorca hat der HSV eine gute Portion Gelassenheit ausgestrahlt. Sollte das helfen, diesmal wirklich den ersten Schritt vor dem zweiten zu gehen, dann hat sich Merlin Polzins Mini-Trainingslager in der Sonne gelohnt.
Dieses Thema im Programm:
Hamburg Journal | 01.04.2025 | 19:30 Uhr