Jan Ullrich

Podcast über Jan Ullrich Vom Radsport-Himmel in die Hölle und zurück

Stand: 28.03.2025 10:12 Uhr

Vom gefeierten Sporthelden zum Ausgestoßenen, der sich in den Alkohol flüchtet und depressiv wird: Jan Ullrichs Leben als "bewegt" zu charakterisieren, wäre eine maßlose Untertreibung. Wie sehr ihn das Aus im Radsport getroffen hat und wie er nach zahlreichen Rückschlägen wieder auf die Beine kam, beschreibt der Rostocker im Podcast "Raus aus der Depression".

Von Sebastian Ragoß

"Ich war im Radsport-Himmel - und später scheintot." So prägnant beschreibt Jan Ullrich im Podcast "Raus aus der Depression" von NDR Info und der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention seine Lebensgeschichte.

Ullrich ist seit seinem Tour-de-France-Sieg 1997 in Deutschland ein Idol. Die Menschen lieben "Ulle", den nahbaren und manchmal fehlbaren Star, der hartnäckig um den zweiten Tour-Sieg kämpft, aber Jahr für Jahr an Lance Armstrong scheitert.

Abruptes Karriereende 2006

2006 ist Armstrong zurückgetreten und Ullrich in Topform. Wer, wenn nicht der Rostocker, soll die Tour de France gewinnen? Doch unmittelbar vor dem Start kommt es zum großen Knall. Ullrich steht unter Verdacht, Kunde des heute berüchtigten Dopingarzt Eufemiano Fuentes aus Spanien zu sein, und wird von seinem Team suspendiert.

Der Traum vom Sieg in Paris endet abrupt, Ullrich wird nie mehr ein professionelles Rennen fahren. "Ich wurde knallhart aus meinem Leben gerissen. Und von da an ging es bergab", beschreibt der der 51-Jährige im Podcast den einschneidenden Moment: "Ich war in Schockstarre und konnte dreieinhalb Jahre mein Rad nicht angucken."

Vom "Star zum Aussätzigen"

Plötzlich ist er nicht mehr der sympathische "Ulle", der es im Winter auch mal ein wenig ruhiger angehen lässt, während Armstrong fanatisch Gipfel um Gipfel erklimmt. Sondern ein Ausgestoßener. Sporthelden fallen mitunter tief in Deutschland - und Ullrich tiefer als alle anderen. Vom "Star zum Aussätzigen", sagt Ullrich im Podcast-Gespräch mit Harald Schmidt (Entertainer und Schirmherr der Stiftung Deutsche Depressionshilfe) und Professor Ulrich Hegerl.

Der Rostocker verliert seinen Lebensinhalt, gerät in eine Negativspirale. "Ich hatte ein Rennen ohne Ziellinie. Und damit kam ich nicht zurecht. Ich war unten durch. Der Radsport ging einfach weiter ohne mich. Das hat mich aufgefressen. Dann kam Alkohol dazu, um das zu verdrängen."

Ullrich räumt Doping zunächst nicht ein

Ullrich befindet sich in einer "Schleife aus Selbstmitleid", wie er sagt. Anders als zahlreiche ehemalige Teamkollegen kann er sich nicht zu einem Doping-Geständnis durchringen. Die Situation lastet schwer auf ihm. "Dann war ich wirklich depressiv. Mir hat nichts mehr Spaß gemacht. Ich habe nur noch das Nötigste hinbekommen. Ich habe nicht mehr trainiert. Ich habe keine Lust mehr an Sport gehabt, auf den ich vorher so Lust hatte", erklärt Ullrich seine damalige Situation. 

Ein mehrwöchiger Klinik-Aufenthalt hilft Ullrich. Er hat psychologische Betreuung, findet wieder Lust am Radfahren, liest viel und glaubt, auf einem guten Weg zu sein.

Totalabsturz im Sommer 2018

Gut anderthalb Jahre ist er abstinent, ehe er in ein noch tieferes Loch fällt. "Ich habe nicht verstanden, dass ich nie wieder Alkohol trinken darf", erklärt Ullrich, der mit seiner Familie inzwischen auf Mallorca wohnt und seinen Konsum langsam wieder steigert.

Im Juni 2018 verlässt ihn seine Frau und zieht mit den Kindern zurück nach Deutschland. Anschließend verliert Ullrich komplett den Halt. "Da habe ich es absolut übertrieben, da wäre ich fast gestorben. Das war die Teufelsmischung: Kokain mit hartem Alkohol über viele Wochen. Ich war nicht mehr ich selbst, schon lange nicht mehr."

Hilfe von Armstrong und spätes Geständnis

Ullrich braucht dringend Unterstützung und erhält diese unter anderem von seinem einstigen Rivalen Armstrong, der inzwischen ein guter Freund geworden ist. "Er hat mir damals viel geholfen", betont Ullrich, der Stück für Stück wieder zurück in ein geregeltes Leben findet.

Kurz vor seinem 50. Geburtstag im Dezember 2023 befreit er sich dann endlich von der schweren Last und gesteht seine Dopingvergehen. In einer Dokumentation, einem Buch und mehreren Interviews gibt Ullrich die Einnahme verbotener Mittel während seiner aktiven Zeit zu und macht reinen Tisch. "Es hat mich fast aufgefressen", sagt Ullrich mit Blick auf das jahrelange Leugnen.

Ullrich: "Versuche, in meiner Mitte zu bleiben"

Wie geht es ihm heute? "Ich versuche, in meiner Mitte zu bleiben", sagt Ullrich im Podcast "Raus aus der Depression": "Ich habe meine Werkzeuge wie Sport und Yoga. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal Yoga mache. Was mir auch geholfen hat, sind Atemübungen, lesen und längere Runden mit den Hunden", sagt er und betont: "Ich trinke nur noch Wasser und esse sehr gesund. Ich weiß, dass ich Alkohol und Drogen nie mehr in meinen Körper lassen darf."

Ullrich hat eine neue Lebensgefährtin und regelmäßigen Kontakt zu seiner Ex-Frau und seinen Kindern, mit denen er offen über seine Probleme gesprochen hat. "Jetzt ist es an mir, das Urvertrauen wieder zurückzugewinnen", weiß Ullrich.

Mit dem Radsport hat der Rostocker schon seit langer Zeit seinen Frieden gemacht und veranstaltet inzwischen Rad-Events, unter anderem im Mai im Schwarzwald. Dann wird auch Armstrong dabei sein. "Ich bin immer noch Fan vom Radsport, das ist mein Metier und ich fahre selbst noch gerne", sagt Ullrich - der gefallene Sport-Held, der wieder aufgestanden ist.

Dieses Thema im Programm:
Raus aus der Depression | 25.03.2025 | 06:00 Uhr