Basketball-Weltmeister Deutschland (imago images/Tilo Wiedensohler)

Nachwuchsförderung, Konstanz, Commitment Die Schlüssel für den WM-Titel der deutschen Basketballer

Stand: 11.09.2023 04:36 Uhr

Zum ersten Mal ist Deutschland Basketball-Weltmeister. Es ist ein Titel, der plötzlich kam, aber alles andere als Zufall ist. Er ist das Ergebnis einer rund zehnjährigen Entwicklung im deutschen Basketball inklusive einer wichtigen Regeländerung.

Von Jakob Lobach, Manila

So wirklich wusste Johannes Thiemann nicht, was er sagen sollte, als er mit der Goldmedaille um seinen Hals durch die Katakomben der WM-Arena in Manila lief. Wenige Minuten zuvor war der Forward von Alba Berlin mit seinen Teamkollegen der deutschen Nationalmannschaft über das Parkett gesprungen, hatte sich überwältigt die Hände vor sein Gesicht geschlagen, kurz darauf den goldenen Pokal gereicht bekommen. Johannes Thiemann war am Sonntagabend Basketballweltmeister geworden. Nun stand er da, breit grinsend und sagte: "Das ist krass, einfach krass. Ich komme nicht drauf klar, verstehe nicht, was hier gerade passiert ist. Es ist einfach unglaublich. Fucking World Champions."

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Zehn Jahre Anlauf

Eigentlich waren Thiemanns Wortfindungsprobleme nicht überraschend. Wie soll man so einen doch unerwarteten, für viele sensationellen, definitiv aber historischen Erfolg auch in Worte fassen? Schließlich war die deutsche Mannschaft gerade nicht etwa zum dritten oder vierten Mal Weltmeister geworden, sondern zum ersten Mal in ihrer Historie. Es ist der größte Erfolg in der deutschen Basketballgeschichte, den sich Johannes Thiemann und seine Teamkollegen am Sonntagabend mit einem 83:77-Sieg über Serbien sicherten. Ein Erfolg, der auf einer gut zehnjährigen Entwicklung beruht – in der Nationalmannschaft, vor allem aber auch im deutschen Vereinsbasketball.

Exakt zehn Jahre ist es her, dass Niels Giffey, ein langjähriger Mitspieler von Johannes Thiemann und Eigengewächs von Alba Berlin, erstmals das Trikot der Nationalmannschaft überstreifte. Der damals 22-jährige Giffey debütierte in einem Testspiel im Vorfeld der Europameisterschaft im Sommer 2013. Nach Niederlagen gegen die Ukraine, Belgien und Großbritannien schied die deutsche Auswahl bei dieser in der Vorrunde aus. Anders ausgedrückt: Ein Weiterkommen scheiterte an Nationen, die mit der Basketball-Weltspitze ungefähr so viel zu tun haben, wie Deutschland zuletzt mit einem Sieg beim Eurovision Song Contest.
 
"Irgendwann Weltmeister zu werden, war nicht mal auf der Liste der Dinge, die ich mir überhaupt hätte vorstellen können", sagte Giffey, nachdem ihm genau dies am Sonntag in Manila gelungen war. Wie also konnte dies passieren? Wie konnte eine Nationalmannschaft, die viele Jahre stets Absagen ihrer besten Spieler bekam, von der nicht einmal ein WM-Halbfinale gegen die USA im Fernsehen übertragen wird, Weltmeister werden? Die Zauberworte lauten Kontinuität, das von Kapitän Dennis Schröder vielzitierten "Commitment", vor allem aber Nachwuchsförderung und etwas kryptischer: die 6+6-Regel.

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Eine enorm wichtige Regel

Fangen wir hinten an, bei besagter 6+6-Regel. Die wurde im deutschen Basketball im Jahr 2012 eingeführt, also kurz vor besagter Europameisterschaft 2013. Die noch immer geltende Regel besagt im Kern, dass mindestens die Hälfte einer jeden Mannschaft aus der Basketball-Bundesliga (BBL) aus deutschen Akteuren bestehen muss. Im Umkehrschluss hieß dies im Jahr 2012: Statt sich wie in den Jahren zuvor nahezu ausschließlich auf gute und günstige Spieler aus dem Ausland zu verlassen, mussten die deutschen Klubs plötzlich deutsche Spieler ausbilden. "Diese Regel ist enorm wichtig", sagte Johannes Thiemann am Sonntag mit wiedergefundenen Worten und erklärte: "Nicht nur, damit junge Spieler spielen können, sondern auch, damit sie Verantwortung übernehmen können, in den Rollen spielen, die wir hier brauchen."

Eine neue Basketball-Generation

Johannes Thiemann stammt, genauso wie Andi Obst, der Held aus dem Halbfinale, aus dem Nachwuchsprogramm in Bamberg. Dennis Schröder und Daniel Theis, die am Sonntag erst stark spielten und dann emotionsreich feierten, reiften in Braunschweig zu Profis, ehe sie direkt beziehungsweise über Umwege in der nordamerikanischen NBA landeten. Niels Giffey durchlief genauso das gesamte Jugendprogramm bei Alba Berlin wie einige Jahre später Moritz und Franz Wagner. Die Brüder wurden einst in einer von Albas Grundschul-AGs entdeckt, wuchsen in Prenzlauer Berg auf, ehe sie erst ans College und dann ebenfalls in die NBA wechselten.
 
Sie stehen symbolisch für eine neue Basketball-Generation in Deutschland, die es selbst vor zehn Jahren so nicht gab. "Wir haben mittlerweile einen Fokus darauf, dass wir in der deutschen Liga gute deutsche Spieler fördern wollen. Spieler, die nicht nur in der Ecke stehen sollen, sondern wirklich spielen." Das gilt für junge Spieler wie die Wagners, aber auch ältere Akteure wie Giffey, Thiemann und Maodo Lo, die bei Alba in den vergangenen Jahren an ihrer Rolle wuchsen.

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Definitiv kein Zufallsprodukt

Sie alle haben sich, genauso wie Dennis Schröder, "committed", haben sich der deutschen Nationalmannschaft in den vergangenen Jahren verschrieben. Nur so konnte die Team-Chemie entstehen, die bei dieser WM zu Deutschlands vielleicht größter Stärke wurde. Eine Schlüsselrolle spielte hierbei auch Bundestrainer Gordon Herbert. Der Kanadier, der einst ebenfalls eine Saison bei Alba Berlin verbrachte, fand den exakt richtigen Umgang mit seinen Spielern, allen voran mit Dennis Schröder.
 
"Was Dirk Nowitzki früher war, ist Dennis jetzt. Er hat seine Identität gefunden, hat übernommen, ist MVP geworden", sagte Herbert am Sonntag. Kurz zuvor hatte er am Rande des Parketts in Manila auf dem Boden gesessen, schwer atmend, völlig leer, während seine Spieler auf dem Parkett feierten. Den ersten WM-Titel der deutschen Basketballer. Einen WM-Titel, der sehr plötzlich kam, aber definitiv kein Zufallsprodukt ist.

Sendung: rbb24, 10.09.2023, 22 Uhr